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Neue Abnehm-Medikamente: Wie Roche den Anschluss an den lukrativen Markt schaffen will

Nachdem Roche die erste Welle der GLP-1-Blockbuster verpasst hat, investiert das Unternehmen Milliarden in eine neue Generation von Adipositas-Medikamenten. Kann der Schweizer Pharmariese angesichts der Marktdominanz von Novo Nordisk und Eli Lilly noch Fuss fassen? Anfang März verkündete der Schweizer Pharmariese Roche gute Nachrichten über den Adipositas-Medikamentenkandidaten Petrelintide, den er gemeinsam mit dem dänischen Biotech-Unternehmen Zealand Pharma entwickelt. In einer Phase-II-Studie erreichte das einmal wöchentlich injizierte Medikament seinen primären Endpunkt einer statistisch signifikanten Gewichtsabnahme. Die Teilnehmenden verloren durchschnittlich 10,7% ihres Körpergewichts und hielten diesen Gewichtsverlust über 42 Wochen bei, wobei nur leichte Nebenwirkungen auftraten. Die Anleger:innen zeigten sich jedoch unbeeindruckt. Die Aktien von Zealand Pharma brachen am Tag nach der Bekanntgabe um rekordverdächtige 35% ein, während Roche um rund 3% nachgab. In der ...

«Der Wachstumszwang» und seine absurden Folgen

Business man Watering a plant shaped like a graph in a pot

upg. In der heutigen Zeit, in der Wirtschaftswachstum in den USA, Japan und Europa fast nur noch mit zusätzlichen Schulden erreicht wird und Kriege das Problem verschärfen, gewinnt dieser Beitrag von Hanspeter Guggenbühl aus dem Jahr 2019 neue Aktualität.


In jungen Jahren forschte der Alte, der 2018 verstorbene Ökonom Hans Christoph Binswanger, noch nach Auswegen aus dem umweltschädigenden Wachstum der Wirtschaft. Er war von 1972 bis 1977 Co-Leiter einer interdisziplinären Arbeitsgruppe namens Nawu («Neue Analysen für Wachstum und Umwelt»), die sich folgende Frage stellte: «Wie ist es möglich, aus der Phase eines exponentiellen Wachstums ohne ökonomische Krisen in ein ökonomisch-ökologisches Gleichgewicht zu gelangen?» 

Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit veröffentlichte die Arbeitsgruppe 1978 im «Nawu-Report: Wege aus der Wohlstandsfalle». Der Nawu-Report enthält Vorschläge für eine Ökologisierung der Wirtschaft sowie den Aufbau einer alternativen Gesellschaft, in der wesentliche Lebensbereiche aus der monetären Wirtschaft ausgegliedert und damit dem Wachstumsdrang entzogen werden. Umsonst: Seit der Veröffentlichung dieser Forschungsresultate im Jahr 1978 hat sich die Schweizer Wirtschaftsleistung real verdoppelt, jene der Welt vervielfacht. Auch die Plünderung der natürlichen Ressourcen wuchs weiter.

Gleiche Diagnose beider Binswanger

In späteren Jahren kapitulierte der alternde Ökonomie-Professor: «Die Wirtschaft ist zum Wachstum verurteilt», schrieb Hans Christoph Binswanger 1994. Und in seinem dicken Spätwerk «Die Wachstumsspirale» belegte er seine These mit Modellen und mathematischen Formeln.

Der Junge, Binswangers Sohn Mathias, kommt schon in mittleren Jahren zum gleichen Befund und packt ihn gleich in den Titel seines neuen, 2019 erschienenen Buchs: «Der Wachstumszwang». Im Untertitel wiederholt und ergänzt er seinen ernüchternden Befund: «Warum die Volkswirtschaft immer weiter wachsen muss, selbst wenn wir genug haben.» Mit den Worten «muss» und «Zwang» widerspricht er ebenfalls der weit verbreiteten Meinung, die real existierende Marktwirtschaft sei frei. 

Die Versuche der beiden Binswanger, diesen Zwang zu überwinden, wirken harm- und zahnlos: Während Vater Hans Christoph vorschlug, Aktiengesellschaften durch Stiftungen zu ersetzen, setzt Sohn Mathias jetzt auf Genossenschaften. Damit lasse sich der Zwang zum Wachstum zwar etwas dämpfen, aber nicht beseitigen, denn, so lautet das ernüchternde Fazit im jüngsten Buch des damals 56-jährigen Professors für Volkswirtschaft: «Wir müssen wachsen, wenn wir nicht in eine Abwärtsspirale geraten wollen, in der die Wirtschaft bei steigender Arbeitslosigkeit immer mehr schrumpft. Genau das ist der Wachstumszwang!»

Weder beim verstorbenen Vater noch beim quicklebendigen Sohn gibt es also eine neue Erkenntnis – oder gar grundlegende Alternativen zum heutigen Zwangs-Wirtschaftssystem. Trotzdem lohnt es sich, das Buch zu lesen, und zwar wegen des zweiten Teils, in dem Mathias Binswanger die Begleiterscheinungen und Konsequenzen der zum Wachstum verurteilten Wirtschaft beschreibt. Da entwickelt sich seine Analyse zur brillant formulierten Realsatire* über die Zwänge von Konsum und Produktion: 

Die Satten zum Konsum zwingen

Einerseits stösst das Wachstum der Wirtschaft an die Grenze des Bedarfs. Für eine Gesellschaft, die genug hat, lohnt es sich nicht mehr, den Konsum weiter zu steigern. Um diese Grenze zu überwinden, muss die Wirtschaft also immer neue Bedürfnisse wecken. Wie das funktioniert, hat in den 1960er-Jahren schon Vance Packard in seinem Buch «Die geheimen Verführer» gezeigt. Mathias Binswanger aktualisiert diesen Mechanismus im Kapitel 8 unter dem Titel «Stetiges Wachstum des Konsums trotz Sättigung» an neueren Beispielen. Leseprobe: 

«So wussten Menschen bis vor einigen Jahren noch nicht, dass sie das Bedürfnis haben, täglich Herzfrequenz, Tagesaktivitäten, verbrannte Kalorien und ihren Schlaf zu erfassen. Dank den Anstrengungen der Hersteller von Gesundheitsuhren wurde dieses Bedürfnis jedoch in ihnen ‚geweckt‘, und Gesundheitsuhren bzw. Fitness-Tracker werden heute in grossen Mengen verkauft.»

Weil es aber immer noch Menschen gibt, die dem Gewitter von Werbung und Marketing widerstehen und ihren Konsum nicht freiwillig steigern, muss man sie dazu zwingen. Dazu gehört die Strategie, die Gebrauchsdauer von Produkten oder Dienstleistungen künstlich zu verkürzen. Als Beispiel nennt der Autor die Strategie, Smartphones schneller als nötig zu Schrott reifen zu lassen, indem die Hersteller laufend neue Modelle und Software anbieten. «Um diesem Prozess etwas nachzuhelfen, wird dann nicht selten der Support für ältere Modelle und Versionen eingestellt.» 

Neben der Privatwirtschaft sorgt aber auch der Staat für eine Zunahme von mehr oder weniger erwünschtem «Zwangskonsum». Dazu gehören zum Beispiel subventionierte Windkraftwerke oder Elektroautos, welche Landschaftsschützer, Velofahrer oder Stubenhocker mitfinanzieren müssen, obwohl sie die subventionierten Dinge gar nicht wollen oder brauchen können. Als gewichtiges Beispiel führt Binswanger die Prämien der obligatorischen Krankenkassenversicherung ins Feld, die zwangsweise und obendrein überdurchschnittlich wachsen, weil die «meritorischen Güter», also die von der Allgemeinheit zu finanzierenden (Gesundheits-)Leistungen, dem Markt weitgehend entzogen sind. 

Wachstumszwang führt zu «Bullshit» (Munischeisse)

Einerseits treibt also der – mehr oder weniger freiwillig zunehmende – Konsum das Wachstum der Wirtschaft an. Andererseits resultiert das Wachstum aus der Effizienzsteigerung in der Produktion. Das begann mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und setzt sich heute mit der Digitalisierung aller Wirtschaftsbereiche fort. Diese Steigerung der Effizienz spart(e) Arbeit. Doch dank Ausweitung der Menge konnte die produzierende Wirtschaft das Arbeitsvolumen bisher trotzdem steigern und Arbeitslosigkeit in grösserem Umfang vermeiden. Möglich war das und wird künftig möglich sein, weil die Bürokratie weiter um sich greift und neue Arbeitsplätze schafft, analysiert Mathias Binswanger. Dazu eine weitere Leseprobe: 

«Die negative Spirale von arbeitssparendem technischem Fortschritt und sinkender Beschäftigung würde schnell zu Arbeitslosigkeit und einem Rückgang des Konsums führen, wenn nicht an anderer Stelle neue Jobs entstünden. Und diese anderen Stellen sind heute zu einem erheblichen Teil einer wachsenden Bürokratie zu verdanken. Auf diese Weise wird Bürokratie zu einem ambivalenten Phänomen. Einerseits behindert diese Menschen und Wirtschaft in ihrer Entfaltung und macht das Leben insgesamt unattraktiver und komplizierter. Andererseits brauchen wir diese Bürokratie, damit noch ausreichend Menschen beschäftigt werden können, wenn es gleichzeitig immer weniger Menschen in der Produktion braucht.»

Während andere Ökonomen die Ausweitung der Bürokratie primär beim Staat beobachten und kritisieren, ortet Binswanger diese auch bei privaten Unternehmen sowie beim «New Public Management» (NPM), das in den 1990er-Jahren eingeführt wurde, um die Effizienz staatlicher Tätigkeit mit modernen Managementmethoden zu steigern. Doch das Gegenteil geschah: Das NPM wurde «Ausgangspunkt für eine neue Controlling-, Evaluations- oder Optimierungsbürokratie», und diese beschränke sich «nicht auf die öffentliche Verwaltung», schreibt Binswanger und fährt fort: «Neben typisch bürokratischen Tätigkeiten wie Administration, Organisation, Überwachung, Kontrolle, Registrierung, Dokumentation, Evaluation oder Kodierung umfasst sie beispielsweise auch Zertifizierung, Akkreditierung sowie Beratung, Coaching oder Mentoring. An der Arbeit sind dabei fast ausnahmslos ausgebildete Spezialisten und Experten.»

In diesem Zusammenhang stützt sich Binswanger auf das Buch des Anthropologen David Graeber mit dem Titel «Bullshit-Jobs» und weist damit auf ein «zentrales Phänomen der gegenwärtigen Entwicklung von kapitalistischen Wirtschaften» hin: «Es gibt immer mehr Jobs, die unserer traditionellen Vorstellung einer sinnvollen Tätigkeit nicht mehr entsprechen.» 

Entsprechend ernüchternd ist denn auch das Fazit, das Binswanger aus seiner vielfältigen Analyse zieht: «Der Wachstumszwang verhindert, dass eine höhere Arbeitsproduktivität in mehr Freizeit umgesetzt wird. Stattdessen braucht es in zunehmendem Ausmass eine Bürokratie, die in der Lage ist, Vollbeschäftigung weiterhin zu garantieren, selbst wenn es sich dabei um Bullshit-Jobs handelt.» 

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* Realsatire: Die Unsitte, den Autor zu fragen, wie er über sein eigenes Werk urteilt, hat der Rezensent hier unterlassen. Er weiss darum nicht, ob Mathias Binswanger sein Buch «Der Wachstumszwang» (Wiley-VCH Verlag, 2019) selber als Satire versteht. Real ist sie allemal.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Moderner Journalismus: Verschleiern statt klar texten

Spannungen

mdb. Von Mitte Februar bis Mitte März 2025 sind auf Infosperber fünf Artikel zu diesem Thema erschienen. Hier sind nun alle kritisierten plus viele zusätzliche Ausdrücke aufgelistet. Einige stammen von Infosperber-Leser Jürg-Peter Lienhard, andere von Infosperber-Korrektor Benedikt Weissenrieder.


Kürzlich berichtete Radio SRF über «geopolitische Spannungen». «Spannungen» ist ein Oberbegriff. Er kann vielerlei bedeuten: «Missstimmung», «Unstimmigkeiten», «Differenzen», «Unfriede», «Querelen», «Zerwürfnis», «Streit». Gemeint war etwas anderes – nämlich der Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Der Oberbegriff «Spannungen» ist nichtssagend – und in diesem Fall verharmlosend. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine ist nicht eine kleine «Unstimmigkeit», sondern eine «Tragödie».

Solche Oberbegriffe sind unter Journalisten in Mode gekommen. Oberbegriffe tönen gescheit, aber sie sagen nichts. Weitere solche Oberbegriffe sind «Ausrufezeichen», «Event», «Feindseligkeiten», «Stakeholder», «Thema», «toxisch», «Unregelmässigkeiten» oder «Verwerfungen».

Sogar von «Gastronomen» ist häufig die Rede. Dabei liesse sich ganz einfach sagen, ob es sich um einen «Wirt», einen «Hotelier», einen «Koch» oder einen «Kellner» handelt.

Oder das «Paper»: Ist es eine «Notiz»? Sind es «Unterlagen»? Ist es ein «Vertrag»? Oder eine «Doktorarbeit»?

  • abwickeln: Das ist Finanzjargon. Wenn es heisst, dass eine Bank «abgewickelt» werden sollte, dann bedeutet das: Man sollte sie «in Konkurs gehen lassen».
  • adressieren: Die «Berner Zeitung» schrieb kürzlich: «Wiederum ein paar Tage später adressierte Anwalt Steinegger ein Schreiben an die Insel-Führung und an die Universitäts-Leitung.» Dabei hätten sich die Leser wohl mehr dafür interessiert, ob der Anwalt das Schreiben auch abgeschickt hat. «Adressieren» ist ein Modewort aus dem Englischen – besonders beliebt unter Beratern.
  • aktiv: Gegenüber einer Zeitung soll der Sicherheitschef von Saas-Fee VS gesagt haben: «Die Skifahrer missachten aktiv unsere Anweisungen.» Andernorts lesen wir, da habe einer den anderen «nicht aktiv eingeladen». «Aktiv» ist überflüssig. Fast immer.
  • am Ende des Tages: Damit ist nicht die Zeit um 18 oder um 20 Uhr herum gemeint. Es ist eine Lehnformulierung aus dem Englischen. Sie bedeutet «letztlich» oder «schliesslich».
  • Analyst: Auch ein Lehnwort aus dem Englischen. Eigentlich handelt es sich um «Analytiker».
  • Angriffskrieg: Jeder Krieg beginnt mit einem Angriff. «Angriffskrieg» ist ein Propagandawort. Es bringt zum Ausdruck, wer der Alleinschuldige sein soll. Das Wort «Angriffskrieg» kam mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine in Mode.
  • ansonsten: Unnötig gespreizt. «Sonst» reicht vollauf.
  • Arealentwicklung: Eines der Lieblingswörter von Leuten, die in der Verwaltung oder in der Immobilienbranche tätig sind. Gemeint sind «Überbauungen». Aber «Arealentwicklung» klingt offenbar weniger negativ als «Überbauung».
  • aufgleisen: SRF berichtete: «Neue Tarifregelung für ambulante Behandlungen ist aufgegleist.» Was das bedeutet? Nichts. Die Zuschauer erfahren nicht, was «geplant», «beschlossen», «eingeführt» oder bereits «in Kraft» ist. Übrigens: «Auf den Weg bringen» oder «auf den Schlitten bringen» ist auch nicht besser als «aufgleisen».
  • ausrollen: Auch so ein Lehnwort aus dem Englischen. Die Swisscom behauptet beispielsweise, sie habe «die Software an allen elf Standorten gleichzeitig ausgerollt». Wer sich vor Augen führt, wie das aussähe, kann nur den Kopf über diese Formulierung schütteln. Vermutlich hat die Swisscom die Software «eingeführt». Aber wer weiss?
  • Ausrufezeichen: Wer hat nicht schon alles «ein Ausrufezeichen gesetzt»? Sportler, Politiker, Künstler. Was sie getan haben? Eine ausserordentliche «Leistung erbracht», etwas «in aller Deutlichkeit gesagt», einen «Preis gewonnen». Das sagt man am besten auch so. Siehe auch «Fragezeichen».
  • Banker: Ein Allerweltswort, dazu noch unpräzise. Denn es gibt «Bankiers» und «Bankangestellte». «Bankangestellte» sind – wie der Name sagt – Angestellte; «Bankiers» hingegen sind «Besitzer» oder «Verwaltungsräte» einer Bank.
  • barrierefrei: Wenn etwas «barrierefrei» ist, dann hat es keine Barriere. Wenn etwas «nicht barrierefrei» ist, dann hat es auch keine Barriere. Denn eigentlich geht es gar nicht um Barrieren, sondern darum, ob ein Gebäude oder ein Verkehrsmittel «behindertengängig» ist.
  • Begrifflichkeit: Das ist an sich ein Fachbegriff aus der Philosophie. Gemeint ist meistens bloss ein «Begriff» oder ein «Wort». Aber die «Begrifflichkeit» mit ihren Nachsilben «-lich» und «-keit» klingt halt beeindruckender.
  • Blutbad: Niemand badet. «Blutbad» ist ein Wort, das an Zynismus kaum zu übertreffen ist.
  • Blutvergiessen: Niemand läuft mit der Giesskanne herum. Siehe auch «Blutbad».
  • Blutzoll: Niemand bezahlt Zoll. Das Wort ist so zynisch wie das «Blutbad» und das «Blutvergiessen». Denn «Zoll» ist eine obligatorische Abgabe.
  • Botschafter: Roger Federer war ein erfolgreicher Tennisspieler. Aber er war nie Diplomat. Und trotzdem wird er ständig als «Botschafter» von Kaffeemaschinen, von Schokolade, einer Bank, von Luxusuhren, von chinesischen Kleidern, von teuren Schuhen und sogar als «Botschafter» der Schweiz bezeichnet. Dabei ist er nichts anderes als ein «Werbeträger».
  • Care-Arbeit: Ein Allerweltswort. Geht es um Kinder, Behinderte, Alte? Sind sie krank, verletzt, eingeschränkt? Brauchen sie Betreuung, Pflege oder Heilung? Oder bloss Unterhaltung? Über all das sagt «Care-Arbeit» nichts aus.
  • CEO: Ist ganz einfach der «Direktor», allenfalls der «Generaldirektor».
  • CFO: Und das ist der «Finanzchef».
  • Challenge: Genauso beschönigend wie «Herausforderung» (siehe dort).
  • CO2-Emissionen: Warum nicht «CO2-Ausstoss»?
  • Crowdfunding: Früher hiess das «Spendensammlung». Und das war gut so.
  • diametral: Häufig in der Kombination «diametral entgegengesetzt». Doch wie anders als «diametral» soll etwas «entgegengesetzt» sein?
  • Diaspora: Heisst – weniger akademisch ausgedrückt – «Gemeinschaft».
  • Disruption: Ist eine «einschneidende Veränderung».
  • disruptiv: Modewort. Hat ursprünglich zwei Bedeutungen: 1. In der Biologie «grob gemustert». 2. In der Technik «ein Gleichgewicht oder ein System zerstörend». Ansonsten bedeutet es wohl: «Schaut her – was für ein kluger Kerl ich bin! Dass ich solche Wörter kenne! Und anwende!»
  • divers: Bedeutet eigentlich «vielfältig». Aber das klingt weniger woke. Wobei: «woke» ist ein Fall für sich.
  • DNA: Auf Deutsch eigentlich «DNS». Oder «Desoxyribonukleinsäure». Der Ausdruck stammt aus der Genetik. Als Leser staunen wir darüber, was alles im Erbgut angelegt sein soll. Die Migros hat nach eigenen Angaben die Nachhaltigkeit in der «DNA». Die Transparenz auch. Die Regionalität ebenso. Und die soziale Verantwortung sowieso. Für die UBS müssen Unternehmer die richtige «DNA» haben. Und Aldi hat «Top-Qualität zum besten Preis» in der «DNA». Dabei ist den Firmen die Nachhaltigkeit, die Transparenz oder was auch immer möglicherweise «wichtig». Am besten würden sie das auch einfach so sagen.
  • dysfunktional: Hin und wieder ist von «dysfunktionalen Familien» die Rede. Steriler lässt sich ein Problem fast nicht schildern. Dabei geht es eigentlich um Kindsmissbrauch, schlagende Väter, betrunkene Mütter, Armbrüche, Schwartenrisse. Das soll man auch so benennen.
  • Eigner: Das ist ein «Eigentümer». Oder vielleicht auch nur ein «Besitzer».
  • einordnen: «Wir ordnen ein.» Es vergeht kaum eine «10-vor-10»-Sendung am Fernsehen SRF, in welcher der Moderator oder die Moderatorin dieses Versprechen nicht abgibt. Dabei stehen keine Ordner auf dem Tisch, und es hat auch kein Regal an der Wand. In den Fernsehsendungen wird nichts «eingeordnet», sondern «erklärt». Bestenfalls.
  • emissionsintensiv: «Stinkt» es? Ist es «lärmig»? «Verpestet» jemand die Luft? «Vergiftet» einer die Böden? Es gäbe so viele schöne Wörter, die mehr sagen.
  • emotional: Radio SRF berichtete über eine Frau, deren Mann bei einem Erdbeben umgekommen war. An seinem Todestag werde sie immer «emotional». «Emotional» ist ein Oberbegriff, der wenig aussagt. Ist die Frau «traurig», «niedergeschlagen», «unglücklich» oder sogar «verzweifelt»?
  • energieintensiv: Beschönigend: Warum nicht sagen, dass ein Betrieb viel Energie «verbraucht» oder «verschwendet»? «Energieintensiv» ist neutral. Und es ist genau das, was die PR-Leute, die diesen Begriff einst in die Welt gesetzt haben, wollen. Als «energieintensiv» liesse sich auch ein Atomkraftwerk bezeichnen – weil es viel Strom erzeugt. Aber niemand sagt so etwas.
  • Entlastungspaket: Wie wär’s mit «Sparpaket»?
  • Erzählung: Die «Erzählung» ist die Schwester des «Narrativs». Die «Erzählung» hat gegenüber dem «Narrativ» den Vorteil, dass das Wort auch für Nicht-Lateiner verständlich ist. Aber sonst: Die «Erzählung» ist genau so perfid wie das «Narrativ». Wer von einer «Erzählung» oder einem «Narrativ» spricht, der unterstellt, dass etwas faul ist. Deshalb: Warum nicht gleich «Behauptung», «Gerücht», «Märchen», «Lügengeschichte»? Damit wäre das Problem benannt.
  • Event: Das ist ein «Anlass», eine «Veranstaltung», ein «Fest», eine «Feier», vielleicht ein «Konzert».
  • Expats: In der Regel reiche Ausländer, die sich gar nicht Mühe geben, sich einzuleben. Wenn es so ist, kann man es auch so sagen.
  • Expertise: Ist einfach «Fachwissen».
  • Fachexperte: Es gibt «Fachleute» und es gibt «Experten». Aber «Fachexperten»?
  • Fachkräftemangel: Warum nicht einfach «Personalmangel»? Oft geht es ja gar nicht um «Fachkräfte». Aber um «Personal» geht es immer.
  • Fachspezialist: Siehe «Fachexperte»: Es gibt «Fachleute» und es gibt «Spezialisten». Aber «Fachspezialisten»?
  • Fallzahlen: Warum nicht «Fälle»? Das reicht eigentlich.
  • Feindseligkeiten: Ein ganz übles Wort. Denn es wird auch dann verwendet, wenn «Krieg» herrscht.
  • Femizid: «Frauenmord» ist durchaus treffend und weniger distanziert. Zudem erinnert es – im Gegensatz zu «Femizid» – nicht an «Pestizid» und «Fungizid».
  • Feuerwehrpersonen: Radio SRF berichtete, dass die «Feuerwehrpersonen» den Waldbränden in Kalifornien machtlos gegenüberstünden. Ein schönes Beispiel für verunglückte geschlechtergerechte Sprache. Denn seit jeher gibt es das Wort «Feuerwehrleute». Das ist durchaus geschlechtsneutral.
  • final: Die «Berner Zeitung» schrieb: «Kommt die Schweiz final zu diesem Schluss, kann sie der spanischen Justiz die Unterstützung verweigern.» «Final» und «zum Schluss» bedeuten das Gleiche. Aber «final» klingt klug.
  • finalisieren: Was nicht alles finalisiert wird! Verträge, Vereinbarungen und neuerdings – wenn man der «Berner Zeitung» glauben will – sogar ein Hochhaus. Dabei wurde es einfach «fertiggebaut».
  • Finanzen: Das ist «Geld».
  • Finanzielle Mittel: Das auch.
  • fit: Ist ein Allerweltswort geworden. Da werden «Mitarbeiter fit für den Arbeitsmarkt gemacht», «touristische Attraktionen fit für die neue Saison» und Angestellte «fit für die immer neuen digitalen Anforderungen». Und als ob das nicht reichen würde, behauptet die «Berner Zeitung», bei einer Hausrenovation würden auch noch «die Metallgriffe in Kleinarbeit fit gemacht». Werden sie «geschliffen», «gestrichen» oder «verstärkt»? Und die Menschen: «geschult», «unterrichtet» oder «angelernt»? Fit bedeutet alles. Und nichts. Das Wort ist unbrauchbar.
  • fixen: Machten früher Drogensüchtige. Jetzt tun es Wichtigtuer mit voller Agenda. Sie entlehnen das Wort aus dem Englischen. Sie könnten auch sagen: «abmachen» oder «vereinbaren».
  • flächenintensiv: Beschönigender Immobilien-Branchenjargon. Bedeutet eigentlich, dass unverschämt viel Boden überbaut wird.
  • Fragezeichen: Erfunden hat es möglicherweise der einstige «Kassensturz»-Moderator Ueli Schmezer – jetzt verbreitet es sich wie eine Seuche: das «Fragezeichen». Beispiel aus einem Fussball-Matchbericht im Fernsehen SRF: «Kommt dieses Aufbäumen zu spät? Fragezeichen.» Ein dummes «Mödeli». Denn dass es sich um eine Frage handelt, geht schon aus der Satzstellung und dem Tonfall hervor. Der Zusatz «Fragezeichen» ist überflüssig.
  • Freiwilligenarbeit: Die meisten Leute arbeiten «freiwillig». Sie könnten auch die Stelle wechseln. Sie sind ja nicht Sklaven. Gemeint ist «ehrenamtliche Arbeit», «unentgeltliche» oder «unbezahlte Arbeit».
  • frontal: «Murdoch frontal angegriffen», meldete das «St. Galler Tagblatt». Ob «frontal» oder «lateral» ist egal. Wichtig ist eigentlich nur, dass der Verleger «angegriffen» wurde. Wichtiger wäre, ob er mit Worten oder mit Taten angegriffen wurde.
  • Funktionalität: Die Postfinance rühmte sich kürzlich, dass sie eine neue «Funktionalität» anbiete. Sie verwendet ein Wort, das für alle, die blenden wollen, wie geschaffen ist. «Funktionalität» bedeutet hier nichts anderes als «Funktion».
  • Fussabdruck: Unfreiwillig komisch berichtete Radio SRF über Minenprojekte in Schweden: «Eine neue Mine hat immer einen grossen Fussabdruck.» Stattdessen hätte SRF melden können: «Eine neue Mine führt immer zu grossen Umweltschäden.» Das wäre leichter verständlich. Und nicht absurd.
Newsletter Balken gold

  • Gamechanger: Das Coronavirus wird oft als «Gamechanger» bezeichnet. Aber warum nicht gleich sagen, was das Coronavirus verändert hat?
  • Gastgeber: Modewort. Eigentlich jemand, der jemanden privat einlädt. Aber inzwischen sind damit auch «Wirte» und «Hoteliers» gemeint.
  • Gastronom: Auch ein Modewort. Neben dem «Wirt» oder dem «Hotelier» kann auch der «Koch» oder der «Kellner» gemeint sein.
  • Gebäulichkeit: Wörter mit den kombinierten Nachsilben «-lich» und «-keit» sind hässlich. Immer. Warum nicht einfach «Haus», «Bau», «Baute»? Und wenn es unbedingt eine Nachsilbe sein soll: «Liegenschaft.» Oder mit Vorsilbe: «Gebäude.»
  • gefühlt: Der «Blick» teilte seinen Lesern mit: «Gefühlt wird das Fliegen teurer.» Die Leser hätten wohl gerne gewusst, ob es nur «gefühlt» oder «tatsächlich» teurer werde. Und am besten gleich auch noch um wie viel.
  • Gegenteil: Die «Sonntags-Zeitung» schrieb: «Junge Frauen sind nicht freier als früher, im Gegenteil.» Das hiesse dann: Sie sind freier. Denn das Gegenteil von «nicht freier» ist «freier». Aber das war natürlich nicht gemeint. «Im Gegenteil» ist fast immer falsch.
  • Gemengelage: SRF meldete: «In dieser Gemengelage traf Wirtschaftsminister Robert Habeck mit seiner vielbeachteten Videorede einen Nerv.» Die «Gemengelage» ist ganz einfach eine «Situation», vielleicht auch ein «Durcheinander».
  • generieren: Ist ein Modewort. Bundesrat Albert Rösti sagt: «Floriert die Wirtschaft, generiert das Steuereinnahmen.» Das gibt der banalen Aussage ein bisschen mehr Gewicht. Eigentlich bedeutet der Satz bloss: «Die blühende Wirtschaft bringt höhere Steuereinnahmen.» Weitere Alternativen zu «generieren»: «erzeugen», «herstellen», «erschaffen», «zeitigen».
  • geopolitisch: Das ist Politjargon. «Weltpolitisch» täte es auch.
  • geopolitische Verwerfung: SRF meldete: «Auf geopolitische Verwerfungen kann die Landesregierung bekanntlich wenig Einfluss nehmen.» Und meinte: «Kriege».
  • global: Lässt sich gut vermeiden. Bedeutet: «weltweit.»
  • globaler Süden: Die Bezeichnungen «Entwicklungsländer» oder gar «Dritte Welt» gelten heute als inkorrekt. Der Begriff «globaler Süden» ist als Ersatz aber untauglich. Kaum jemandem dürfte nämlich bewusst sein, dass zwei der südlichsten Länder überhaupt – Australien und Neuseeland – zum «globalen Norden» gehören. Albanien und die Ukraine – je nach Definition – hingegen zum «globalen Süden».
  • Handvoll: Pro Tag könnten oft «nur eine Handvoll» Lastwagen in den Gazastreifen fahren, berichtete die «Berner Zeitung». Nur: Wie viele sind das? Eigentlich passt ja kein einziger Lastwagen in eine Hand. Gemeint war wohl, dass man die Zahl der Lastwagen «an einer Hand abzählen» könnte.
  • Herausforderung: Radio SRF berichtete über die Trinkwasser-Qualität: «Extreme Wetterereignisse sind eine Herausforderung für die Qualität des Wassers.» Was die Moderatorin damit wohl gemeint hat? Wenn von einer «Herausforderung» die Rede ist, dann ist meist ein «Problem» gemeint.
  • historisch: Kommt häufig in in der Sportberichterstattung vor, obwohl die wenigsten Ereignisse in die Geschichte eingehen werden.
  • hochpreisig: Ist ein PR-Wort. «Hochpreisig» bedeutet «teuer».
  • horizontal: Ganz einfach: «waagrecht.»
  • HR: Warum nicht «Personalwesen» oder «Personalabteilung»? Wäre deutsch. Und verständlich.
  • HR-Chef: Und warum nicht «Personalchef»?
  • Impact: Laut der «Republik» hat «die Digitalisierung einen starken Impact». Warum nicht «grosse Auswirkungen»? Oder – noch besser: Warum diese «grossen Auswirkungen» nicht gleich benennen, statt um den heissen Brei herumzureden?
  • Indigene: Wurde wohl erfunden, damit wir nicht mehr von «Eingeborenen» sprechen. Aber es gäbe ja noch die «ursprüngliche» oder die «einheimische Bevölkerung», die «heimische» oder die «eingesessene». Das verstünden dann auch Nicht-Akademiker.
  • Influencer: Eigentlich «Beeinflusser». Anders kann man gesponserte Schnösel, die jungen Leuten allerlei Kosmetika und dergleichen beliebt machen wollen, nicht bezeichnen.
  • Inklusion: Bedeutet eigentlich «Teilhabe».
  • inklusiv: Wer «inklusiv» hört, denkt möglicherweise als Erstes an Gratis-Alkohol im Pauschalferien-Hotel. Aber Alkohol oder andere Inklusiv-Leistungen sind damit nicht gemeint. «Inklusiv» bedeutet, dass niemand ausgeschlossen werden soll. Könnte man auch so sagen.
  • Job: Englische Wörter sind häufig kürzer als deutsche. Der «Job» ist ein Beispiel dafür. Doch was nützt ein kurzes Wort, wenn es eine Verallgemeinerung ist? Wenn es alles Mögliche bedeuten kann: «Beruf», «Stelle», «Arbeit», «Auftrag», «Mandat».
  • Kassenbon: «Den Kassenbon wollen Sie?», fragen die Angestellten an der Supermarktkasse. Keine Ahnung, wer die Weisung erlassen hat, dass der «Kassenzettel» oder die «Quittung» nun «Kassenbon» heissen soll. Mit einem «Bon» oder einem «Gutschein» hat der Papierstreifen ja nichts zu tun. Er ist wertlos, solange man nichts umtauschen will.
  • kompakt: Kürzlich teilte ein Restaurant mit, seine Speisekarte werde «kompakter». Gemeint war «kleiner». Oder «ausgedünnt». Die Zeitungen in der Stadt übernahmen das Wort «kompakt».
  • Kompensation: Eigentlich «Lohn». Der Begriff «Kompensation» wird nur für Riesenlöhne verwendet. Warum wohl? Wer muss was «kompensieren»?
  • kompliziert: Neuerdings ist alles «kompliziert»: in der Politik, im Sport, auf der Arbeit. «Kompliziert» dürfte aus dem Englischen oder aus dem Französischen entlehnt sein: «It’s complicated.» Oder: «C’est compliqué.» Dabei ist es häufig gar nicht «kompliziert», sondern bloss «schwierig».
  • Kreditausstände: Bankenjargon. «Kreditausstände» sind nichts anderes als «Schulden».
  • kritisch: Radio SRF berichtete kürzlich über «kritische» Rohstoffe. Was das heisst? Erfuhren die Zuhörer nicht. Gemeint sein können Rohstoffe, die «wichtig» sind, «dringend nötig», «knapp», «selten» oder «rar», «gefragt», «begehrt», aber auch «heikel» oder «gefährlich». Warum sagen uns die Radioleute nicht, was Sache ist?
  • Kulinarik: Modewort. Es bedeutet «Kochkunst». Warum also nicht «Kochkunst» sagen? Das Wort ist gleich lang. Und erst noch für alle verständlich.
  • Kundenbedürfnis: Viele Betriebe richten sich nach angeblich veränderten «Kundenbedürfnissen». Tatsächlich bauen sie ihre Dienstleistungen ab.
  • Kundenbegleiter: Das ist ein Beruf bei den SBB. Früher hiess er «Kondukteur». Passender wäre «Kontrolleur», denn die Hauptaufgabe ist die Kontrolle der Billette.
  • Künstliche Intelligenz: Oft ist nichts anderes gemeint als das, was wir bislang «Automatisierung» nannten.
  • Leak: Stammt aus dem Englischen und bedeutet «Leck». Das deutsche Wort ist gleich lang. Und erst noch verständlich.
  • letztendlich: Vermischung von «letztlich» und «endlich» (siehe auch «schlussendlich»).
  • Leuchtturmprojekt: Die «Neue Zürcher Zeitung» kritisierte schon vor zehn Jahren: «Der Ausdruck ‹Leuchtturmprojekt› gehört in die Kategorie der ‹Quantensprünge› und ‹Meilensteine›. Auch bei diesen Schlagwörtern geht es in erster Linie darum, einer an sich banalen Sache mit einer glänzenden Etikette einen superlativen Hauch zu verleihen. Meist steckt aber weniger drin, als die pompöse Verpackung verspricht.» Dem ist nichts hinzuzufügen.
  • LKW: In der Schweiz werden sperrige und schwere Güter von einem «Camion» transportiert oder von einem «Lastwagen». Aber bestimmt nicht von einem «Lastkraftwagen». Die Abkürzung müsste daher «LW» heissen. Wenn eine Abkürzung überhaupt nötig ist.
  • Mangellage: Seit ein paar Jahren fürchten wir uns vor allerlei «Mangellagen»: etwa beim Strom oder beim Gas. Aber warum «Mangellage»? Warum nicht einfach «Mangel»?
  • margenstark: Das ist Managerjargon. Und bedeutet eigentlich «einträglich». Aber das tönt ein bisschen entlarvend.
  • marktfrisch: Reine Werbesprache. Die Migros verkauft Lageräpfel und Lagerkarotten, die mehr als ein Jahr im Lagerhaus lagen, tatsächlich als «marktfrisch».
  • Meeting: Das ist eine «Sitzung». Oder ein «Treffen».
  • Mitarbeitende: Verschleiert die Abhängigkeitsverhältnisse. «Angestellte» trifft es genauer. Und ist genauso geschlechtsneutral.
  • Narrativ: Siehe «Erzählung».
  • natürlich: Meist überflüssig. Wer ständig schreibt, etwas sei «natürlich» so und so, würde besser erklären, warum es so ist.
  • Null, rote: Wirtschaftsjargon. Eine «rote Null» ist ein «kleiner Verlust». Aber das Wort «Verlust» klingt nicht gut.
  • Null, schwarze: Ebenfalls Wirtschaftsjargon. Aber ein «kleiner Gewinn».
  • offensiv: «Offensiv» bedeutet eigentlich «angriffig». So wird das Wort beispielsweise auch im Sport verwendet. Neuerdings ist aber auch von «offensiver Sprache» die Rede. Doch damit ist nicht «angriffig», sondern «beleidigend» gemeint. Das ist nicht das Gleiche. Deshalb sind die beiden deutschen Wörter erste Wahl.
  • On-Boarding: Klingt gut. Aber bedeutet eigentlich bloss: Der oder die neue Angestellte wird «eingearbeitet».
  • Opportunität: Börsensprache. Heisst nichts anderes als «Möglichkeit» oder «Gelegenheit». Tönt aber kompetenter.
  • Overtourism: Ganz einfach «zu viele Touristen». Ist deutsch. Und verständlich.
  • Paper: Nichts anderes als ein «Papier» oder «Unterlagen».
  • Paradigmenwechsel: Die «Basler Zeitung» berichtete darüber, dass die SP-Ko-Präsidentin «einen Paradigmenwechsel in der Basler Verkehrspolitik» wolle. Will sie eine «Kehrtwende» oder nur einen «Richtungswechsel»? Beides wäre genauer als der «Paradigmenwechsel».
  • performen: Modewort. Bedeutet alles und nichts. Heutzutage «performen» vor allem Künstler auf der Bühne. Ob sie «singen», «trompeten», «tanzen» oder «ein Lied in den Saal schmettern» – das bringt das Wort «performen» nicht zum Ausdruck. Auch Wertpapiere «performen». Ob sie viel «Ertrag abwerfen» oder ob der «Wert steigt» – auch das bleibt offen.
  • Perimeter: Planer- und Beamtendeutsch. «Gebiet» wäre besser und – wenn es unbedingt ein Fremdwort sein soll – auch «Areal».
  • per se: Die abgetretene Stadtberner Bildungs- und Sozialdirektorin Franziska Teuscher sagte: «Ein Schulhaus steht per se für Zukunft.» Sie hätte «per se» weglassen können – der Satz hätte sich inhaltlich nicht geändert. «Per se» ist überflüssig. Immer.
  • Person: Geschlechtergerechte Sprache in Ehren – aber manchmal kommt es zu Entgleisungen. Wenn etwa Radio SRF von einer «Interviewperson» spricht; wo es doch eigentlich um einen «Interviewten» oder eine «Interviewte» geht.
  • persönlich: Wer sich in den Vordergrund stellen will, sagt nicht nur «ich», sondern «ich persönlich». Alle anderen lassen «persönlich» besser weg.
  • Persönlichkeit: Die «Luzerner Zeitung» frohlockte: «Mit Elisabeth Burger gewinnt Caritas Aargau eine Persönlichkeit mit einer langen politischen Erfahrung.» Warum «Persönlichkeit»? Warum nicht einfach «Person»? Warum so unterwürfig? Interessanter wäre – wenn schon –, dass Burger zur Präsidentin gewählt wurde.
  • physisch: Sogar der «Blick» versucht es hochgestochen: «Die physische Verfassung muss stimmen.» Warum nicht die «körperliche»? Ist nur zwei Buchstaben länger. Hinzu kommt: Zwischen «physisch» und «psychisch» besteht Verwechslungsgefahr. Zwischen «körperlich» und «geistig» nicht.
  • Pilot: Nicht jeder «Pilot» kann fliegen. Denn manch ein «Pilot» ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern ein «Pilotversuch».
  • PKW: In Deutschland ist ein Auto ein «Personenkraftwagen». In der Schweiz ein «Personenwagen». «PKW» ist in Deutschland die durchaus passende Abkürzung. In der Schweiz hingegen «PW». Wenn es überhaupt eine Abkürzung sein muss.
  • Player: Ein Wort für Faule. Wer das Wort «Player» verwendet, muss nicht genau überlegen, was er eigentlich sagen möchte. In den Deutschschweizer Medien wurde «Player» letztes Jahr fast 10’000 Mal verwendet. Mal waren grosse Unternehmen wie Microsoft gemeint, mal mächtige Staaten wie die USA, dann wieder grosse Parteien wie die SVP, wichtige Organisationen wie die WHO, aber auch das Bundesamt für Wohnungswesen, Pensionskassen oder Initiativkomitees.
  • positiv: Die «Berner Zeitung» berichtete über einen Fussballer, der nach einer Verletzung «noch positiv» gewesen sei. Auch «das Umfeld wollte positiv» sein. Die Formulierung stammt aus dem Englischen («to be positive») und aus dem Französischen («être positif»). Dabei könnten wir uns im Deutschen durchaus differenzierter ausdrücken: «hoffnungsvoll», «zuversichtlich» oder – wenn es ein Fremdwort sein muss – «optimistisch».
  • postkolonial: Bedeutet eigentlich «die Zeit nach der Kolonialzeit betreffend». Aber das Wort wird mit den unterschiedlichsten Bedeutungen aufgeladen. Deshalb ist häufig unklar, was es bedeutet. Daher: meiden!
  • präferieren: Imponierwort. «Bevorzugen» ist besser.
  • präventiv: Der «Blick» macht schon wieder auf klug, wenn er von «präventiven Wolfsabschüssen» berichtet. Warum nicht von «vorsorglichen Wolfsabschüssen»? Oder noch besser nur von «Wolfsabschüssen»?
  • Preisanpassung: Marketingsprache. Woran werden denn die «Preise angepasst»? An die Gewinnerwartungen der Aktionäre? Wahrscheinlich schon. Denn «Preisanpassungen» sind stets «Preiserhöhungen». Und deshalb sollten wir sie auch als solche bezeichnen.
  • preisintensiv: Ebenfalls Marketingsprache. Bedeutet «teuer».
  • Preismassnahme: Nochmals Marketingsprache. Bedeutet «Preiserhöhung». Siehe auch «Preisanpassung».
  • Prekariat: «Prekariat raus, Oberschicht rein.» Das war eine Schlagzeile von SRF zum Wohnungsmarkt. «Arme raus, Reiche rein» wäre anschaulicher. Oder wenn es sein muss: «Unterschicht rein, Oberschicht raus.» Wer das Wort «Prekariat» verwendet, hat ein «prekäres» Verhältnis zur deutschen Sprache.
  • priorisieren: Heisst eigentlich «bevorzugen» oder «vorziehen».
  • proaktiv: Manchmal führen Fremdwörter dazu, dass der Autor zwei Mal das Gleiche sagt (siehe «final»). Manchmal führen sie auch dazu, dass sich der Autor selber widerspricht. Zum Beispiel in der «Berner Zeitung»: «Nachträglich hätten die Behörden zusammen mit den Veranstaltern proaktiv und transparent informieren sollen.» Ja, was nun? «Nachträglich» oder «proaktiv»?
  • Provenienz: Kunsthistorikerjargon. Bedeutet «Herkunft». Was erst noch kürzer ist.
  • Reality-Show: Kommt häufig am Fernsehen. Doch «Reality-Show» ist ein Widerspruch in sich. Handelt es sich um die «Realität»? Oder doch nur um eine «Show»?
  • Regularien: SRF informierte uns darüber, dass es «Regularien für die Ausbeutung des Meeresbodens» brauche. Gemeint waren «Regeln».
  • regulieren: Nichtssagender Oberbegriff. Wenn es um Wölfe geht, ist meist «töten» oder «abschiessen» gemeint. Wenn es um Pestizide geht, ist «einschränken» oder «verbieten» gemeint. Warum also nicht genau das schreiben?
  • Resort: Modewort. Ist einfach ein «Feriendorf» oder eine «Ferienanlage».
  • Respekt: Die Leute haben «Respekt vor einer Ansteckung», «vor einer neuen Aufgabe» oder «vor einer Abfahrtsstrecke». Sie wollen ja nicht sagen, dass sie sich «fürchten» oder sogar «Angst haben».
  • restituieren: Jargon – häufig unter Kunsthistorikern. Siehe auch «Provenienz». «Restituieren» bedeutet «zurückgeben». Klingt aber weniger bedeutsam.
  • Roadtrip: Warum nicht «Autoreise» oder «Motorradreise»? Dann weiss jeder, worum es geht. Allerdings: Ein «Roadtrip» klingt schon ein bisschen abenteuerlicher.
  • sanktionieren: Ein Wort, das die Gefahr von Missverständnissen in sich birgt. Denn es kann genauso gut «gutheissen» bedeuten wie «ahnden», «bestrafen», «büssen» oder «boykottieren». Also besser meiden.
  • schlussendlich: Vermischung von «schliesslich» und «endlich» (siehe auch «letztendlich»).
  • schultern: Die «Berner Zeitung» berichtete drüber, dass die «Schweizer Wirtschaft bei Ausfuhren in die USA hohe Zölle schultern» muss. «Schultern» ist ein Allerweltswort wie «stemmen» (siehe dort). Zölle «schultert» man nicht, denn man trägt sie nicht mit sich herum. Man «entrichtet» sie.
  • Schummelei: Verbreitete sich nach Bekanntwerden des VW-Dieselskandals. Warum war bloss immer nur von einer «Schummelei» die Rede, wo es doch ein handfester «Betrug» war?
  • Scooter: Wieder ein doppeldeutiges Wort. Kann ein «Trottinett» oder ein «Motorroller» sein.
  • seitwärts: Wirtschaftsjargon. Börsenkurse bewegen sich angeblich «seitwärts». Wer das verstehen will, muss ein Diagramm vor Augen haben. Wenn sich Kurse «seitwärts bewegen» heisst das, dass sie sich gar nicht bewegen. Sie sind «stabil», «stagnieren» oder «verharren auf dem gleichen Niveau».
  • Selbstwahlrestaurant: Neumodischer Ausdruck für «Selbstbedienungsrestaurant». Ist aber unsinnig. Jedes Restaurant ist ein «Selbstwahlrestaurant». Denn der Gast kann wählen, was er essen oder trinken möchte.
  • seriös: Stammt aus dem Englischen oder aus dem Französischen: «serious problems» oder «des problèmes sérieux». Wenn deutschsprachige Medien von «seriösen Problemen» schreiben, dann geht es mitnichten darum, dass diese Probleme «vertrauenswürdig» sein könnten, sondern dass es sich um «ernsthafte Probleme» handelt.
  • Sexarbeit: Ist eine Verharmlosung. Mit dem Wort «Sexarbeit» tun wir so, als wäre «Prostitution» eine Arbeit wie jede andere auch. Ist sie aber nicht. Manchmal wäre es gut, wenn wir bewährte Begriffe wie «Prostitution» beibehalten würden. Aber wir sollten auch nicht unbedingt in die alten Zeiten zurückfallen, als es noch «gewerbsmässige Unzucht» hiess.
  • Slot: Der «Berner Zeitung» entnahmen wir, dass Ursula von der Leyen «in der Woche vor Weinachten einen Slot für Ignazio Cassis frei hätte». Das heisst: «Sie hatte Zeit.» Oder: «Sie hatte kurz Zeit.»
  • Spielermaterial: Die «Berner Zeitung» analysierte das «Spielermaterial» des Schlittschuh-Clubs Bern (SCB). Einen menschenverachtenderen Ausdruck für die «Spieler» dürfte es kaum geben.
  • Spin-off: Wieder die «Berner Zeitung»: «Das sind zwei Firmen, die von Absolventen der Fachhochschule als Spin-off gegründet wurden.» Für Laien – und vermutlich auch für viele Journalisten ist das unverständlich. Ein «Spin-off» ist eine Geschäftseinheit, die aus einer Firma oder von einer Universität ausgelagert wurde und nun ein rechtlich eigenständiges Unternehmen ist. Das könnte man ja auch so erklären. Wenn es überhaupt wichtig ist.
  • Stakeholder: Kann alles Mögliche sein: «Angestellter», «Kunde», «Lieferant», «Bank» – einfach jemand, der aus irgendeinem Grund ein Interesse an einer Firma hat.
  • Standardsituation: Oder auch einfach nur «Standard». Im Fussball ein Sammelbegriff für ganz unterschiedliche Sachen wie «Penalty», «Freistoss», «Corner» oder «Einwurf». Warum nur reden Fussballreporter ständig von «Standardsituationen», wenn sie mühelos sagen könnten, was Sache ist.
  • stemmen: Einst brauchte es viel Kraft, damit man etwas «stemmen» konnte. Ein Sportler «stemmte» etwa einen schweren Pokal in die Höhe. «Stemmen» war einmal ein sehr anschauliches Wort. Aber heute? Heute ist daraus ein Wort geworden, das alles und nichts bedeutet. Wenn wir den Zeitungen Glauben schenken wollen, dann werden «Herausforderungen gestemmt», «Umsetzungen gestemmt», «Mieten gestemmt», «Klinikkosten gestemmt» – ja, laut der «Sonntags-Zeitung» wird sogar «Geld gestemmt». Gemeint war: «Geld investiert.»
  • studiert: Manchmal ist von «studierten Juristen» die Rede. Dann stellt sich gleich die Frage: Gibt es auch Juristen, die nicht «studiert» haben? Eher nicht. Das wären dann «Hochstapler».
  • Tabu: Journalisten sprechen gerne über «Tabuthemen» Nur beweisen sie damit, dass das Thema eigentlich gar kein «Tabu» ist. Also: Hände weg vom Wort «Tabu».
  • Technologie: Bedeutet eigentlich «die Lehre der Technik». Meistens ist mit «Technologie» bloss «Technik» gemeint. Aber «Technologie» klingt halt ein bisschen wissenschaftlicher.
  • tektonische Plattenverschiebung: In einem Interview mit dem abtretenden Chef des Amtes für Kultur des Kantons Bern meinten die «Bund»-Journalisten: «In Ihre Amtszeit fielen diverse tektonische Plattenverschiebungen.» Das ist Unsinn. Im Amt für Kultur gibt es keine «tektonischen Plattenverschiebungen». Und auch bei Wahlen gibt es keine «tektonischen Plattenverschiebungen», selbst wenn das Wichtigtuer unter den Journalisten gerne behaupten. Eine «tektonische Plattenverschiebung» gibt es auf Island. Und dort ist sie ein ernsthaftes Problem.
  • Thema: SRF meldete über sich selber: «Wir haben das Thema, dass wir möglichst viele ausbilden müssen.» Dabei hat SRF nicht ein «Thema», sondern eine «Aufgabe» oder ein «Problem».
  • Thematik: Blähwort für «Thema». Oder auch für «Aufgabe» oder für «Problem». Siehe auch «Thema».
  • thermische Verwertung: Die Berner Young Boys geben die Getränke im Stadion in Holzbechern ab. Leider lassen sich diese nicht auswaschen. Deshalb werden sie nun «thermisch verwertet». Oder anders gesagt: Sie werden «verbrannt».
  • toxisch: Mittlerweile ist alles «toxisch»: Beziehungen, Partner, Konstellationen, das Arbeitsklima, sogar Aktien – und vor allem Männlichkeit. Damit ist aber wenig gesagt. Denn «toxisch» bedeutet einfach «giftig». Meist ist aber «bösartig», «gefährlich», «schädlich» oder «zermürbend» gemeint. Warum also nicht diese wunderbaren deutschen Wörter verwenden?
  • triggern: Modewort. «Warum triggert uns eine spanische Erdbeere so sehr?», fragte die «Berner Zeitung». Sie hätte auch «Warum stört uns …» schreiben können.
  • unregelmässig: In Tamedia-Zeitungen war von «unregelmässigen Verträgen» die Rede. Gemeint waren «unsaubere», vielleicht sogar «gesetzwidrige». Was wirklich das Problem mit den Verträgen war, erfuhren die Leser nicht.
  • Unregelmässigkeit: Normalerweise geht es bei «Unregelmässigkeiten» nicht um einen falschen Rhythmus, sondern um einen «Fehler», eine «Täuschung» oder sogar um einen «Betrug». Warum also das ungenaue Wort «Unregelmässigkeiten»?
  • Unschärfe: Der «Bund» berichtete über die «Unschärfen der Prognostiker». Was eine «Unschärfe» ist? Ein «Fehler». Im Artikel ging es nämlich darum, dass die Prognostiker vor den Wahlen falsch gelegen hatten. «Unschärfe» ist ein verharmlosender Ausdruck. Warum das Kind nicht beim Namen nennen?
  • unschuldig: In der Kriegsberichterstattung ist häufig von «unschuldigen» Zivilisten die Rede. Da stellt sich sogleich die Frage: Gibt es auch «schuldige» Zivilisten? Und ist deren Leben weniger wert?
  • Unschuldsvermutung: Die «Sonntags-Zeitung» berichtete, die Staatsanwaltschaft St. Gallen habe einen «Anwalt, für den die Unschuldsvermutung gilt, angeklagt». Die «Unschuldsvermutung» ist ein juristischer Begriff. Sie gilt, solange jemand nicht verurteilt ist. Laien werden sich aber fragen, weshalb die Staatsanwaltschaft den Anwalt anklagt, wenn sie doch vermutet, er sei unschuldig. Die «Unschuldsvermutung» ist in einem Zeitungsartikel unnötig. Allenfalls könnte man von einem «mutmasslichen Betrüger» sprechen. So, wie das früher der Fall war.
  • unterwegs: Wer Zeitungen liest, erfährt, dass Menschen «mit vorgefassten Meinungen unterwegs» sind, dass sie «digital unterwegs» sind, «asketisch unterwegs», «musikalisch unterwegs», andere sind «zweisprachig unterwegs» oder «faktenfrei unterwegs». «Unterwegs» lässt sich entweder streichen oder mit einem kraftvollen Verb ersetzen.
  • urban: Bedeutet nichts anderes als «städtisch».
  • Vakzin: Ist ein «Impfstoff».
  • verbale Drohgebärde: Nichts anderes als eine «Drohung».
  • Verbindlichkeiten: Sind ganz einfach «Schulden».
  • vertikal: Warum nicht «senkrecht»?
  • Verwerfung: Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter sagte in ihrer Neujahrsansprache: «Hätten wir diese Demut vor der Demokratie nicht, würde jede Entscheidung zu Verwerfungen führen.» Was sie mit den «Verwerfungen» wohl meinte? Weiss sie es selber?
  • virtuell: Wieder der «Tages-Anzeiger»: «Es folgt ein virtuelles Gespräch am Computerbildschirm.» Frage: Was soll das Wort «virtuell»? War es ein Gespräch? Oder war es keines?
  • Visibilität: Der «Tages-Anzeiger» berichtete von Künstlerinnen, die «mit ihrer Kunst für mehr Visibilität sorgen möchten». Die Künstlerinnen wollen also für «Sichtbarkeit» sorgen – aber offenbar nicht für Verständlichkeit. Sonst würden sie nicht von «Personen mit Vulven sprechen». Es sieht aus, als ob die Künstlerinnen möglichst unter sich bleiben möchten.
  • volatil: Eigentlich Börsensprache, wird aber mittlerweile für alles Mögliche verwendet. Bedeutet «stark schwankend».
  • Volunteers: Für einmal wäre das deutsche «Freiwillige» ebenso falsch. Gemeint sind nämlich nicht Leute, die freiwillig einen Einsatz leisten, sondern gratis. Richtig wäre deshalb der etwas verstaubte Begriff «Ehrenamtliche».
  • vulnerabel: Das Wort «vulnerabel» begann während der Corona-Pandemie seine Karriere. Heisst nichts anderes als «empfindlich», «anfällig», «verletzlich», «verwundbar» oder «gefährdet». Es gäbe also eine ganze Reihe genauer Alternativen, die jeder versteht – auch ohne Hochschulabschluss.
  • wettbewerbsintensiv: Die «NZZ» informierte uns in einem Artikel über die Swisscom: «Der italienische Markt ist wettbewerbsintensiv und stark fragmentiert.» Das ist Marketingsprache. Wie alle Zusammensetzungen mit «-intensiv». Der italienische Markt ist ganz einfach «umkämpft» und stark «aufgespaltet».
  • wie: In letzter Zeit sind solche Sätze in Mode gekommen: «Ich habe es wie vergessen.» Der Zuhörer fragt sich: «Vergessen»? «Fast vergessen?» Oder «nicht vergessen»?
  • witterungstechnisch: Verlegenheitswort. Zum Beispiel verwendet, als ein Skirennen verschoben werden musste. Dabei ist an der Witterung nichts «technisch», sondern «natürlich». Zusammensetzungen mit «-technisch» sind meistens ebenso sinnlos wie Zusammensetzungen mit «-mässig».
  • woke: Modewort. Heisst «achtsam», «aufmerksam», «bewusst», «sensibel» oder «wachsam».
  • Zeitachse: Schlecht drücken sich nicht nur Journalisten aus, sondern auch Beamte. Der Kanton Luzern beklagte sich über den Bund: «Beantragte Massnahmen in der Grössenordnung von rund 200 Millionen Franken werden vom Bund nicht unterstützt oder auf der Zeitachse nach hinten verschoben.» Wer das verstehen will, muss sich ein Diagramm vorstellen – mit «Zeitachse». Dabei ginge es ganz einfach: Der Bund hat den Strassenausbau «aufgeschoben».
  • zeitintensiv: Wieder ein Modewort. Bedeutet «aufwendig» oder «zeitraubend».
  • zeitkritisch: Heisst eigentlich «dringend».
  • zeitnah: Ein wunderbares Wort für Schaumschläger. Alle anderen, die sich nicht festlegen wollen, sagen «bald» oder «rasch». Und alle, die sich festlegen, sagen «heute», «morgen» oder «nächste Woche».
  • Zivilbevölkerung: Gemeint ist eigentlich immer die «Bevölkerung».
  • Zivilgesellschaft: Und hier die «Gesellschaft». Dass diese zivil ist, versteht sich von selbst.

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UBS und Schweizer Nationalbank sind Aktionäre von Palantir

Protest gegen Palantir

Ausgerechnet die Schweizerische Nationalbank, aber auch die Grossbank UBS sind Mitbesitzerinnen eines Software-Konzerns, der unter anderem die US-Regierung unterwandert. Palantir half etwa der US-Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) mit ihrer Software, um gegen illegale Migration vorzugehen. 

Software von Palantir wird auch für völkerrechtswidrige Kriege eingesetzt. Der Konzern arbeitet eng mit der israelischen Regierung im Krieg in Gaza und in Libanon zusammen.

Amnesty International hatte Palantir bereits im Jahr 2020 dafür kritisiert, dass das Unternehmen seinen Sorgfaltspflichten im Bereich der Menschenrechte gemäss internationalen Standards nicht nachgekommen sei.

Milliardenaufträge vom US-Kriegsministerium

Der Software-Konzern Palantir wird von den fundamentalistischen Milliardären Peter Thiel und Alex Karp kontrolliert. Mit KI-Software und Datenplattformen versorgt Palantir Militär, Geheimdienste, Polizei und Grenzbehörden befreundeter Staaten. 2025 schloss die US‑Armee Milliardenverträge mit Palantir ab. Diese Verträge sichern dem Militär den Zugang zu dessen Software für die nächsten zehn Jahre. Die Software unterstützt Kriegsführung, Logistik, Geheimdienstanalysen und das Auswerten innenpolitischer Daten.

Ehemalige Manager von Palantir besetzen – wie solche von Anduril, Meta oder Open-AI – Schlüsselpositionen in Washington und im Pentagon.

Peter Thiel erklärte offen, «Freiheit und Demokratie» seien «nicht mehr miteinander vereinbar». «Le Monde diplomatique» stellte fest: «In den USA wird der Staat grundlegend umgebaut. Tech-Unternehmen wie Palantir und Anduril (deren wichtiger Geldgeber Peter Thiel ist) übernehmen zentrale hoheitliche Aufgaben. Diese ‹Privatisierung der Souveränität› greift zunehmend auch in Europa.»

SNB und Schweizer Konzerne sind Mitbesitzer

Der Wert aller Palantir-Aktien lag Ende 2025 bei rund 450 Milliarden Dollar. Investoren aus der Schweiz halten nach Angaben der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC Palantir-Aktien im Wert von fast drei Milliarden Dollar:

Aktionäre                                   Aktienwert
Ende 2025 in Dollar
 
UBS Group AG                  1,2  Milliarden
Schweizerische Nationalbank        1,1  Milliarden
Pictet Asset Management          219,7 Millionen
Zürcher Kantonalbank      135,8 Millionen
Swiss Life                            135,8 Millionen
Zürich Versicherungen     102,7 Millionen
Bank Julius Bär                    46,1 Millionen
Quelle: U.S. Securities and Exchange Commission

Die Nationalbank hat seit Trumps Wiederwahl ihr Aktienpaket von 5,75 Millionen Palantir-Aktien bis Ende 2025 um 8,5 Prozent auf 6,24 Millionen Stück erhöht.

Gegenüber der «Republik» liess die Nationalbank verlauten, man investiere in keine Unternehmen, «die grundlegende Menschenrechte massiv verletzen». Warum sie es trotzdem tut, wollte die Nationalbank nicht erläutern.

Die UBS wollte überhaupt nicht Stellung nehmen.

Weitere Schweizer Aktionäre sind die Privatbank Union Bancaire, Bank Vontobel und andere. Einige Investoren wie der norwegische Vermögensverwalter Storebrand haben ihre Palantir-Aktien verkauft.

Professorin Tara Van Ho von der St. Mary’s University in Texas, Expertin für die Sorgfaltspflichten von Unternehmen, erklärte gegenüber «Follow the Money»: «Wenn begründete Bedenken hinsichtlich Menschenrechtsverletzungen bestehen, an denen Palantir beteiligt ist, müssen Finanzakteure ihren Einfluss auf Palantir geltend machen und versuchen, eine Änderung des Verhaltens des Unternehmens zu bewirken.» Falls Palantir sich weigere, sein Verhalten zu ändern, «müssen sie Wege finden, diese Geschäftsbeziehung zu beenden».

Europäische Banken, Vermögensverwalter, Versicherer und Pensionsfonds besassen Ende 2025 Palantir-Aktien im Wert von mindestens 27 Milliarden US-Dollar. Das ergab eine grenzüberschreitende Untersuchung unter der Leitung von «Follow the Money» – gemeinsam mit der belgischen Zeitung «De Tijd», der dänischen «Børsen»dem österreichischen «Der Standard», der Schweizer «Republik»dem norwegischen «Morgenbladet», dem britischen «The Nerve» und der spanischen Zeitung «El País».

Europäische Aktionäre von Palantir
Europäische Investoren in den Software-Konzern Palantir

Weiterführende Informationen


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Aufrüsten gegen ein bedrohliches Russland ist Geldverschwendung

Nachtübung Nighthawk 21 der Nato als Text gegen hybride Kriegsszenarien. Nato

Seit vier Jahren scheitert die russische Armee daran, die östlichen Teilrepubliken der Ukraine, die sie in die Russische Föderation eingegliedert hat, vollständig zu besetzen. Seit dem Einmarsch am 24. Februar 2022 hat Russland 1,2 Millionen Soldaten verloren – durch Tod, Verwundung oder Desertation. Diese Zahl nennt das Center for International Strategic Studies

Die Verluste wurden mit der Zeit immer grösser: Allein 2025 verlor die russische Armee nach Angaben der Nato an den Fronten 400’000 Soldaten. 

Trotz dieses gewaltigen Aderlasses blieben die Gebietsgewinne 2025 mit 0,8 Prozent des ukrainischen Territoriums minimal. 

Ein Beispiel: Schon im August 2024 hatte Russland verkündet, die Armee sei «kurz vor der Einnahme» der Industriestadt Pokrowsk. Doch die vollständige Eroberung gelang erst im Januar 2026. Drei Viertel der Infrastruktur der Stadt sind seit Langem zerstört.

Gleichzeitig konnte die Ukraine im Donbas den Schutzring um die wichtigen ukrainischen Industriestädte Slowjansk, Kramatorsk, Druschkiwka und Kostjantyniwka verstärken. Nach russischer Lesart gehören diese Städte zur Russischen Föderation. Doch Russland schaffte es in den letzten vier Jahren nicht, sie einzunehmen.

In den aktuellen «Friedensverhandlungen» fordert Präsident Putin von der Ukraine, die vier Städte kampflos an Russland abzutreten. Präsident Selensky und seine Berater zeigen sich jedoch überzeugt, sie noch lange halten zu können.

Russland verfolgt weiterhin das Ziel, die beiden Oblaste (Verwaltungsbezirke) Donezk und Luhansk im Donbas sowie die Oblaste Cherson und Saporischschja ausserhalb des Donbas vollständig zu kontrollieren. Nach Volksabstimmungen im Jahr 2022 nahm Russland diese Gebiete in die Russische Föderation auf. 

Seither ist es der russischen Armee nicht gelungen, diese Regionen im Osten der Ukraine zu erobern – obwohl kein einziger Nato-Soldat auf ukrainischer Seite kämpfte. 

Der Krieg um den Donbas reicht bis 2014 zurück, als sich die mehrheitlich prorussische Bevölkerung mit russischer Unterstützung gegen den prowestlichen Umsturz in Kiew stellte. 

Inzwischen verschlingen Russlands Ausgaben für Militär, Sicherheit, Zahlungen an Kriegsopfer und die Zinsen auf Staatsschulden mehr als die Hälfte des gesamten russischen Haushalts. Defizite, Inflation, Versorgungsengpässe und Rekrutierungsprobleme verschärfen die Lage weiter.


Rüstungslobby überzeichnet Bedrohungslage

Die verbreitete Darstellung, Russland könne in wenigen Jahren einen Nato-Staat angreifen, falls der Westen nicht massiv aufrüste, erscheint vor diesem Hintergrund als Propaganda des militärisch-industriellen Komplexes. Dahinter stehen lukrative Milliardengeschäfte. Neben der Rüstungsindustrie profitieren auch viele Investoren. 

Rüstungskonzerne und das Pentagon finanzieren Think‑Tanks mit harmlos klingenden Namen, die Feindbilder zeichnen, Ängste schüren und die militärische Stärke von Gegnern übertreiben. Sie beliefern Nachrichtenagenturen und grosse Medien mit passenden Informationen.

Sie kümmern sich wenig um reale Risiken. Jedes Bedrohungsszenario ist ihnen recht – egal, wie unrealistisch es ist, solange die Kassen klingeln und die Aktienkurse steigen. Im Hinblick auf Irak und Afghanistan hatten sie Siegesszenarien verbreitet. Und jetzt wieder für Iran.

Es gilt die alte PR-Regel: Wiederholt man eine Behauptung oft genug – oft gestützt auf «Geheimdienstinformationen» –, wird sie irgendwann als Wahrheit empfunden. 

Schon vor fünfzehn Jahren prangerte Tom Curley, Chefredaktor der Nachrichtenagentur AP, den immensen Einfluss des US-Kriegsministeriums auf seine Journalisten an. Als ihm der Kragen platzte, enthüllte er unglaubliche Details über die PR-Maschinerie des Pentagons

Im Brüsseler EU-Zentrum haben die zehn grössten Rüstungskonzerne ihr Lobby-Budget in den letzten Jahren um mehr als die Hälfte aufgestockt. Diese Investition zahlt sich offensichtlich aus.

Die Tatsache bleibt: Russland ist Westeuropa militärisch, technologisch, ökonomisch und demographisch unterlegen. Ein Frontalangriff auf ein Nato-Land ist höchst unwahrscheinlich, selbst wenn Putin solche Absichten überhaupt hätte.


Die hybride Kriegsführung

Manchmal räumen selbst Rüstungs- und Nato-Lobbyisten ein, dass ein konventioneller Angriff Russlands auf ein Nato-Land in absehbarer Zeit höchst unwahrscheinlich sei. Trotzdem beharren sie darauf, mit Raketen, Kampflugzeugen, Panzern und Drohnen massiv aufzurüsten.

Ihr Argument: Russland bedrohe die Nato und Europa schon heute mit hybriden Aktivitäten im Cyberraum. Barbara Gallo, Leiterin der Abteilung für hybride Bedrohungen im Europäischen Auswärtigen Dienst, sprach Ende Oktober 2025 von der «Militarisierung aller Bereiche von Lebensmitteln über Energie bis hin zur Migration». Sie sprach von Informationsmanipulation, Wahlbeeinflussung, Sabotage, Störungen der Satellitenkommunikation und Ähnlichem. Russland handle «aggressiv, gewalttätig und rücksichtslos». Ein Ziel bestehe darin, «die Einigkeit der Verbündeten politisch zu testen, sie zu spalten und die Beziehungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten zu belasten»So habe Weissrussland «Schmugglerballons» nach Litauen geschickt und in europäischen Militäreinrichtungen seien verdächtige Drohnen aufgetaucht.

Der Einsatz hybrider Mittel, um Gegner mit offenen und versteckten Aktionen politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich zu schwächen oder zu erpressen, war besonders während des Kalten Krieges weit verbreitet – sowohl bei den USA als auch bei der Sowjetunion. Heute greifen Russland, die USA, Israel und andere Mächte zu ähnlichen Methoden. 

Laut dem Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich kombiniert die «hybride Kriegsführung» politische, wirtschaftliche, mediale, geheimdienstliche, cybertechnische und paramilitärische Einsatzformen. 

Es sei kein neues Phänomen: «Die Tendenz von Staaten, ihre Interessen gegenüber anderen Staaten auch mithilfe von subversiven Mitteln und unterhalb der Kriegsschwelle durchzusetzen, ist wohl ebenso alt wie zwischenstaatliche Konflikte an sich. […] Angriffe, die man heutzutage als hybrid bezeichnen würde, waren während des Kalten Krieges weit verbreitet (oft als Aktive Massnahmen oder Covert Action der Geheimdienste CIA oder KGB bezeichnet).»

Zu den wirksamsten nicht-militärischen Mitteln zählen wirtschaftliche und finanzielle Boykotte, die vor allem die USA und die EU nutzen würden, erklärte Olga Nemanezhyna, Expertin für Schwedens System der totalen Verteidigung.


Gängige Abwehrmassnahmen

Was dem militärisch-industriellen Komplex weniger gefällt: Raketen, Kampfflugzeuge, Panzer und Drohnen sind gegen hybride Aktivitäten nutzlos. In der aktualisierten Strategie zur Abwehr hybrider Bedrohungen, welche die Nato am 29. Januar 2026 vorstellte, spielen schwere Waffen keine Rolle. Im Fokus stehen Informationsbeschaffung durch Geheimdienste und Polizei, Abwehr von Desinformation, der Schutz vor Angriffen auf Datenbanken und Infrastrukturen.

Nur wenn hybride Aktionen – was äusserst unwahrscheinlich ist – die «Schwelle eines bewaffneten Angriffs» überschreiten, etwa durch das Zerstören der Militärinfrastruktur, der Stromversorgung oder der Kommunikationssysteme, käme militärisches Eingreifen in Frage. Eine starke Cyberabwehr soll jedoch sicherstellen, dass es nie so weit kommt.

Georg Häsler fordert in der «NZZ» ein schnelleres Aufrüsten

Georg Häsler, «NZZ»-Bundeshausredaktor und Miliz-Oberst der Schweizer Armee, wirft dem Bundesrat und seiner «Blase aus Beratern, Verbandsfunktionären und Parlamentariern» vor, die Kriegsgefahr zu unterschätzen. 

Mit ihrer zögerlichen Aufrüstung handelten sie «gelinde gesagt fahrlässig». Seine Begründung:

«Die Nachrichtendienste der Länder an der Nato-Ostflanke – die skandinavischen und baltischen Staaten und auch Polen – rechnen mit einer Eskalation mit Russland ab 2028. Schweden schliesst auch eine frühere Eskalation nicht aus.»

Auf ein solches Szenario sei die Schweiz nicht vorbereitet, kritisiert Häsler in der «NZZ» vom 13. März 2026. Er sieht weniger einen Einmarsch fremder Truppen in die Schweiz als vielmehr ballistische Raketen, Marschflugkörper und Drohnen, die den Alpenraum erreichen und die Knotenpunkte des europäischen Stromnetzverbundes und andere kritische Infrastrukturen zerstören. «Von diesen hängen der Wohlstand und die Sicherheit Europas ab.»

Warum die Nato solche Raketen, Marschflugkörper und Drohnen vor dem Überflug über ein Nato-Land nicht abfangen und unschädlich machen würde, lässt Häsler offen.

Da weder auf die SP noch auf die SVP Verlass sei, fordert Häsler «dringend eine Koalition der Vernünftigen, die die Dinge an die Hand nehmen». Er denkt an «Politikerinnen und Politiker, die nicht ihre eigene Blase bespassen, sondern im Landesinteresse handeln wollen.»

Für den Oberst der Schweizer Armee steht fest: «Ein Gemeinwesen muss sich verteidigen können und auch wollen, sonst verliert es seine Daseinsberechtigung.»

Ländern wie Panama oder Costa Rica, die keine Armee unterhalten, spricht Häsler diese Daseinsberechtigung offensichtlich ab.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Bodenlose Bodengewinne – ohne Arbeit und Leistung

Abriss Haus

Der Boden wird immer knapper und teurer. Wer Boden besitzt, kann warten. Sein Vermögen vervielfacht sich, ohne dass er irgendetwas tun muss. Aus einer Leistungsgesellschaft ist eine Gesellschaft privilegierter Bodenbesitzender geworden. 

In der Schweiz kostet heute ein Quadratmeter Boden durchschnittlich dreimal so viel wie vor 25 Jahren. Vor allem wegen der gestiegenen Bodenpreise sind Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen mehr als doppelt so viel wert wie noch im Jahr 2000. Das geht aus einer Statistik der Maklerfirma Neho hervor. Auch Mehrfamilienhäuser kosten heute doppelt so viel.

Ein Beispiel: Wer vor 25 Jahren ein Einfamilienhaus kaufte, das eine Million kostete, und eine Hypothek in Höhe einer halben Million aufnahm, ist heute eine Million Franken reicher:  

Vermögen verdreifacht

Wer damals eine Hypothek nicht nur für die Hälfte des Kaufpreises aufnahm wie im obigen Beispiel, sondern für 75 Prozent und nur 250’000 Franken selber zahlte, dessen Vermögen hat sich in 25 Jahren sogar verfünffacht (von 250’000 auf 1’250’000). 

Eine Verdreifachung oder Vervierfachung des Vermögens im Zeitraum von 25 Jahren ist Schweizer Durchschnitt. In der Stadt Zürich dauerte es nur 12 Jahre – von 2010 bis 2021 –, bis ein solcher Hausbesitzer sein Vermögen vervielfachen konnte. Denn in dieser Zeit stiegen die Bodenpreise in Zürich um 130 Prozent, die Preise für Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen innerhalb von nur 12 Jahren um 100 Prozent. Seither ist der Preisanstieg geringer.


Der Vermögensgewinn bleibt in der Familie unversteuert

Wenn das Haus an direkte Erben weitergegeben wird, bleibt die Million «Gewinn» oder Bodenrente in der Tasche der Familie. Erst wenn der Besitzer oder die Besitzerin das Haus oder die Wohnung verkauft, erheben die Kantone eine bescheidene Gewinnsteuer von durchschnittlich 15 Prozent (abhängig von der Zeitdauer des Besitzes). Der ganze Rest des Bodengewinns bleibt unversteuert.

Auf dem höheren Vermögen fällt jährlich lediglich die normale, progressive kantonale Vermögenssteuer in Höhe von 0,1 bis 0,9 Prozent an (Durchschnitt 2025: 0,3 Prozent). Nach neuen Vorschlägen soll eine bescheidene Vermögenssteuer des Bundes dazukommen.

Zu Reichtum ohne Arbeit und Leistung

Eine privilegierte Schicht konnte seit dem Zweiten Weltkrieg auf drei Arten ein Billionen-Vermögen anhäufen: 

  1. Dank Insidergeschäften an der Börse (Ausnützen vertraulicher Informationen): Insidergeschäfte wurden erst 1988 unter Strafe gestellt. Es gibt sie immer noch, weil sie schwer zu beweisen sind.
  2. Dank geerbtem oder geschenktem Vermögen. Unterdessen erreichen diese ohne Leistung geerbten Vermögen in der Schweiz etwa 100 Milliarden Franken pro Jahr. Vererbbare Vermögen gibt es 3,6 Billionen Franken.
  3. Dank Besitz von Boden und Immobilien. Im Laufe eines Lebens hat deren Wert bisher fast überall enorm zugenommen – ohne eigenes Zutun.


Geschenke der Gemeinden und Kantone

Hausbesitzer Tamedia
Nur selten werden im Zusammenhang mit verdichtetem Bauen die Bodenpreise thematisiert. Hier in Tamedia-Zeitungen.

Die Preise des Bodens – und damit die Preise der Häuser sowie die Mietzinse – schnellen aus folgenden Gründen in die Höhe:

  1. Mehr Menschen – gleich viel Boden
    Die gleiche Bodenfläche der Schweiz teilten sich nach dem Zweiten Weltkrieg 4,4 Millionen Menschen, heute sind es über 9 Millionen. 
  2. Mehr Wohnraum pro Einwohner
    Jede dieser 9 Millionen Personen belegt heute durchschnittlich über ein Drittel mehr Wohnraum als die Menschen vor fünfzig Jahren (heute 46 Quadratmeter, damals 33). 
  3. Pensionskassen, Versicherungen und Anlagefonds
    Sie betrachten Wohnhäuser als «sichere Anlagen», stürzen sich darauf und zahlen überhöhte Preise. 

    In Inseraten war schon öfter zu lesen: «Pensionskasse sucht Mehrfamilienhaus – Bruttorendite nebensächlich.» Unterdessen gehört jede dritte Mietwohnung einer Pensionskasse, einer Versicherung oder einem Anlagefonds.
  4. Einzonungen
    Vor allem landbesitzende Bauern wurden reich, als ihr Land plötzlich zu Bauland erklärt wurde. Aus einem Quadratmeterpreis von 10 Franken wurde einer von 1000 Franken, aus einem Bauern ein Millionär.
  5. Umzonungen 
    Wenn der Staat Gewerbeland in eine Wohnzone umzont, machen die Bodenpreise einen Sprung nach oben.
  6. Aufzonungen 
    Diese sind besonders heute mit dem dichteren Bauen aktuell: Der Staat erlaubt eine höhere Ausnützungziffer und/oder höhere Geschosse. Vor allem in Städten und Agglomerationen lässt dieses verdichtete Bauen die Bodenpreise in die Höhe schnellen. Wenn statt zwei Stockwerke vier Stockwerke erlaubt werden, steigt auf einen Schlag der Preis des Bodens. 

    Allein durch Aufzonungen, Verdichtungen und Einzonungen wurden Bodenbesitzern zwischen 2016 und 2021 jährlich 14,5 Milliarden Franken «geschenkt». Das geht einer im Jahr 2025 veröffentlichten Studie der Ökonomen Felix Schläpfer und Michael Lobsiger hervor.
  7. Bessere Infrastruktur
    Wenn mit Steuergeldern S-Bahnen, Hallenbäder, Freizeitanlagen oder Schulhäuser gebaut werden, steigen die in der Nähe gelegenen Boden- und Immobilienpreise stark an – ohne dass die Eigentümer einen Finger rühren.

    Mit den unverdienten Wertsteigerungen der Häuser, die dank des Baus des S-Bahn-Netzes und der daraus zurückzuführenden Verdichtung der Bevölkerung im Kanton Zürich entstanden sind, hätte man vor 25 Jahren die Kosten der S-Bahn-Neubaustrecke in Höhe von 866 Millionen Franken wohl zahlen können. 

Architekturkritiker Benedikt Loderer fasste es vor ein paar Monaten in der «NZZ» wie folgt zusammen: «Bauland ist ein endliches Gut, vor allem in der Schweiz. Das Gut wird knapper und teurer. Wenn Sie mich fragen, müssen wir endlich über das Bodenrecht diskutieren. Sonst können wir die Debatte gleich sein lassen.» Auf die Frage, was er denn vorschlage, meinte Loderer: «Der Boden muss verstaatlicht werden. Dann kann der Staat den Boden im Baurecht abgeben. […] Dann würde der Staat den Mehrwert verdienen und nicht der Private.»


Abschöpfen statt verstaatlichen

Das bleibt Wunschdenken. Erstens garantiert Artikel 26 der Bundesverfassung das private Eigentum. Zweitens hätte der Staat kein Geld, um die Eigentümer zu entschädigen. Und drittens gehen Private mit ihrem Eigentum meist sorgfältiger und kreativer um als der Staat.

Doch der Billionen-Mehrwert kann trotzdem der Allgemeinheit zugeführt werden. 

Das Raumplanungsgesetz erlaubt den Kantonen bereits seit 1980, den Mehrwert abzuschöpfen, der durch Einzonungen entsteht («planungsbedingte Mehrwerte»). Doch die meisten Kantone verzichteten darauf. Erst das revidierte Raumplanungsgesetz von 2014 schreibt den Kantonen vor, bei Einzonungen wenigstens 20 Prozent des Mehrwerts abzuschöpfen. 

Das Bundesgesetz bezieht sich allerdings nur auf Einzonungen, nicht aber auf Um- oder Aufzonungen sowie auch nicht auf Mehrwerte, die entstehen, wenn eine Bahnverbindung oder eine andere Infrastruktur gebaut wird. 

Diese Abschöpfungen bleiben deshalb den Kantonen und Gemeinden überlassen. Im Kanton Waadt beispielsweise können Gemeinden eine «Infrastrukturabgabe» auf maximal 50 Prozent des planungsbedingten Mehrwerts erheben, um Infrastrukturkosten zu finanzieren. Einige Gemeinden haben eine «taxe d’équipement communautaire» von 50 Prozent eingeführt.

Einige Städte sehen bei neuen Überbauungen Beiträge an die Infrastruktur vor. Die unzureichenden Regelungen in den einzelnen Kantonen hat der Verband für Raumplanungen erfasst: Den grössten Teil der anfallenden «Bodenrenten» können weiterhin die Besitzer von Boden und Immobilien einstecken.


Die grossen «Infrastrukturgewinnler»

Zu den Profiteuren gehören die grössten Wohnungsbesitzer Swiss LifeSwiss Prime Site oder Mobimo. Diese würden von «Infrastrukturgewinnen» noch viel mehr profitieren als die Bauern von Subventionen, sagt SP-Nationalrätin Jacqueline Badran: «Jedes Mal, wenn die Häuser einen Wertsprung machen, dürfen Firmen diesen als ausserordentlichen Gewinn verbuchen. Es steigen damit auch Aktienkurse und Boni.»

Wer nicht schon Boden besitzt oder erben kann, geht leer aus. Für die meisten anderen ist der Boden unerschwinglich teuer geworden – und damit die Häuser und viele Mietzinse. 

Die Eigentumsfreiheit, also der Zugang zum Grund- und Immobilienbesitz, ist in der Bundesverfassung eigentlich garantiert. Doch davon können nur noch Reiche, Superreiche, Konzerne und Erben profitieren. 

Auf der Verliererbank bleiben alle, die ein Haus oder eine Eigentumswohnung gerne erwerben würden sowie die Mieterinnen und Mieter.

Bodenpreis von 29 Franken auf 10’000 Franken

Im Zürcher Quartier Altstetten hat der Gründer des Baukonzerns Halter in den 1930er Jahren tausend Quadratmeter Acker- und Wiesland zu einem Quadratmeterpreis von 18 Franken gekauft. Baureifes Bauland kostete damals gemäss Recherchen eines SRF-Dokfilms im Schnitt 29 Franken.

Auf dem in den 1930er Jahren gekauften Land baute der Halter-Konzern in den 1980er Jahren Wohnhäuser. Die Siedlung hat eine Fläche von insgesamt über 17’000 Quadratmetern.

Jetzt wird sie abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Den heutigen Marktwert des Baulands schätzt Immobilienökonom Urs Hausmann auf rund 10’000 Franken pro Quadratmeter. Dazu beigetragen hat der mit Steuergeldern finanzierte Bau von Trams, Schulen und Parks. 

Berücksichtigt man die Teuerung seit 1935, so entsprach der damalige Quadratmeterpreis von 29 Franken der Kaufkraft von heutigen 140 Franken. Der Preis von 10’000 Franken entspricht damit real dem 40-Fachen des damaligen Preises (nominal 345 Mal mehr).

Balz Halter, Erbe und Verwaltungsratspräsident der Halter-Group
Balz Halter

Würde Balz Halter, Enkel des Gründers und Verwaltungsratspräsident der Halter-Gruppe die Siedlung in Altstetten heute unrenoviert verkaufen, könnte er nach Schätzung von Hausmann einen Reingewinn von 120 Millionen Franken einstecken. Die Ökonomie spreche von einer «unverdienten Bodenrente».

Weil der Quadratmeter baureifes Bauland damals im Schnitt 29 Franken kostete, könnten die Mietzinse des Neubaus besonders günstig sein. Doch die Halter-Gruppe stellt wie die Pensionskassen, Versicherungen und Investmentfonds eine «Kostenmiete» in Rechnung, die von den heutigen Bodenpreisen ausgeht.

Gabriela Debrunner
Gabriela Debrunner

Es herrschten «feudale Zustände», meinte die Assistenzprofessorin und Raumplanungsspezialistin Gabriela Debrunner im SRF-Dokfilm.

Balz Halter sagte, er nehme seine soziale Verantwortung wahr und versprach, rund einen Viertel der Wohnungen 10-20 Prozent unter dem Marktpreis zu vermieten. 

Beim Neubauprojekt «Letzigarten»profitiert die Halter-Gruppe davon, dass die Stadt es erlaubt, zwei Geschosse höher zu bauen. Allein diese Bewilligung zur Aufzonung erhöhe den Wert des Baulandes um über 25 Millionen Franken, sagt Immobilienökonom Urs Hausmann. 

Bei Genossenschaftswohnungen hätte dies keinen Einfluss auf die Mietzinse – doch auf die «Kostenmieten» von Renditeobjekten einen grossen.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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Geldcast Update: Das gilt es bei Aktieninvestitionen mit ETFs zu beachten

Exchange Traded Funds (ETF) gelten als naheliegende Wahl, um sein Geld in Aktien zu investieren. Sie versprechen ein kleines Risiko bei hoher Rendite – zumindest für diejenigen, die ihr Geld über eine lange Zeit anlegen. Doch stimmt das wirklich? Tatsache ist: Mit einem längeren Anlagehorizont wird es einfacher, die durchschnittliche Jahresrendite vorauszusagen. Doch mit der Dauer des Anlagehorizonts steigt die Unsicherheit darüber, wie viel am Schluss übrig bleibt. Warum das so ist – und was das für Sie bedeutet, erfahren Sie jetzt im Geldcast Update. Der Schweizer Wirtschaftspodcast mit den hochkarätigsten Gästen! Von Börsen und Bitcoin bis Kaufkraft und Zinsen: Fabio Canetg, Geldökonom und Journalist, diskutiert im Geldcast mit seinen Gästen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft über deren Werdegang, über die aktuellsten Themen aus der Finanzwelt, über die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank und über die Wirtschaftspolitik von Bundesrat und Parlament. Ein Podcast ...

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