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Strafe als Spektakel

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Der «Tages-Anzeiger» hat am Dienstag einen Kommentar zu Patrick Fischer publiziert, der als Überlegung verkleidet ein Urteil fällt: «Wenn er nach seinen Prinzipien handelt, zieht er die Konsequenzen und tritt vor der WM zurück.» Fischer ist Nationaltrainer der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft, führte sie dreimal zu WM-Silber und bestellte sich, wie jetzt bekannt wird, im Oktober 2021 auf Telegram ein gefälschtes Covid-Zertifikat, um an den Olympischen Spielen in Peking dabei sein zu können. Dafür wurde er 2023 von der Staatsanwaltschaft Luzern verurteilt und mit knapp 39’000 Franken gebüsst. Fischer kam einer Enthüllungsgeschichte von SRF zuvor, indem er den Fall am Montag selbst öffentlich machte.

Fischers Fall, heisst es im «Tages-Anzeiger», zeige jene «Inkonsequenz», die er selbst so sehr verabscheue. Er habe den Spieler Lian Bichsel aus dem Nationalteam ausgeschlossen, weil dieser «aus fadenscheinigen Gründen absagte», und sich nun selbst nicht an Regeln gehalten. Das klingt nach einem Treffer. Es ist keiner.

Kein Geständnis schuldig

Bichsel ist ein 20-jähriger NHL-Verteidiger der Dallas Stars und wohl das grösste Verteidiger-Talent des Schweizer Eishockeys. Er verweigerte zweimal Aufgebote für die U20-Nationalmannschaft: einmal wollte er auf einen Teil der gemeinsamen Vorbereitung verzichten, einmal sagte er eine U20-WM ab, weil er seinen frischen Wechsel nach Schweden nicht unterbrechen wollte. Fischer sperrte ihn daraufhin bis und mit der Heim-WM 2026, ein Entscheid, den der Mannschaftsrat mittrug. Es waren Absagen eines jungen Profis, der seine Karriereentwicklung priorisierte. Fischer dagegen fälschte im Oktober 2021 ein Dokument, um im Februar 2022 bei seinen Spielern in Peking dabei sein zu können. Das sind keine spiegelbildlichen Fälle. Es ist das genaue Gegenteil.

Dann die Forderung nach öffentlichem Bekenntnis. Fischer, schreiben die beiden Sportjournalisten des «Tages-Anzeigers», hätte sich zu seiner Impfskepsis «öffentlich stellen» sollen, so wie Novak Djokovic es tat. Der Vergleich hinkt auf beiden Beinen. Djokovic verweigerte die Impfung, wurde deswegen aus einem Grand-Slam-Turnier ausgeschlossen und trug diese Konsequenz sichtbar. Das war ein politisches Statement, kein Strafbefehl. Fischer wurde verurteilt, büsste und schwieg danach, wie Verurteilte das in einem Rechtsstaat tun.

Wer die Geschichte erzählt

Und schliesslich: die Frage, warum Fischer überhaupt an die Öffentlichkeit ging. Der «Tages-Anzeiger» schreibt, er habe es erst getan, «nachdem er mit den SRF-Recherchen konfrontiert worden war» – ein Mann in der Enge, der keine Wahl mehr hatte. Doch laut Watson-Kolumnist Klaus Zaugg – einem wandelnden Hockeylexikon – ist die Geschichte eine andere. Fischer soll die Information selbst preisgegeben haben: im Rahmen einer SRF-Dokumentation über seine Person, in der Annahme, die Angelegenheit sei längst erledigt. Nicht ein Investigativteam hat ihn gestellt. Er erzählte einem SRF-Journalisten von der Sache. SRF machte aus der ihr anvertrauten Information eine Enthüllung, ein Umstand, den die Medienstelle gegenüber Infosperber nicht dementiert. Auf die Frage, ob auszuschliessen sei, dass Patrick Fischer die Information selbst einem SRF-Journalisten offengelegt habe, schrieb eine SRF-Sprecherin: «Nein.» Um anzufügen, man nehme grundsätzlich keine Stellung dazu, wie man an Informationen gelange.

Auf dieser Prämisse – Fischer habe erst geredet, als er in der Enge war – baut der «Tages-Anzeiger» seinen Titel: Fischer habe dadurch «seine Glaubwürdigkeit verspielt». Die Prämisse ist zwar offensichtlich falsch. Aber selbst wenn sie stimmte: Es lohnt sich, die Behauptung ernst zu nehmen und zu fragen, was sie eigentlich meint.

Als Trainer hat Patrick Fischer seine Glaubwürdigkeit nicht verspielt: drei WM-Silber, eine Mannschaftskultur, die schweizweit gelobt wird, Spieler, die für ihn eintreten. Als Mensch? Er hat gelogen, wurde dafür verurteilt und bezahlte. Was danach kommt, ist nicht mehr eine Frage der Glaubwürdigkeit, sondern der Verhältnismässigkeit. Denn Glaubwürdigkeit ist kein fester Besitz, den man wie Geld verspielt. Sie ist, was andere einem zuschreiben und was Medien durch Wiederholung formen. Der Straffall ist vier Jahre alt und rechtlich erledigt. Dass er jetzt als Glaubwürdigkeitsproblem erscheint, ist kein Naturgesetz. «Glaubwürdigkeit verspielt» ist kein Befund. Es ist eine Behauptung, die durch mediale Verbreitung zur vermeintlichen Wahrheit wird.

Wir riefen ein Symbol

Wobei – warten Sie. Der Cheftrainer der Schweizer Eishockeymannschaft kauft sich auf Telegram mit Bitcoin ein gefälschtes Covid-Zertifikat, reist damit nach China ein – ausgerechnet nach China, dem Land mit den strengsten Einreisekontrollen der Welt, wo man für so etwas keine Busse bekommt, sondern vermutlich verschwindet, einfach so, auf Jahre, in einer Strafkolonie irgendwo in der Inneren Mongolei – und wird dafür rechtskräftig verurteilt – und das alles wird bekannt vier Wochen vor Beginn der Heim-WM, bei der wir alle hoffen, dass er nach dreimal Silber endlich Gold holt. Das ist nicht nichts. Das ist auch nicht wenig. Das ist, ehrlich gesagt, eine Geschichte, die man sich nicht ausdenken könnte.

In den Kommentarspalten drehen Herr und Frau Schweizer selbstverständlich durch, weil sie es nicht zusammenbringen: «Fischi», wie sie ihn nennen, unser Eishockey-Nationalheiliger, der in jedem zweiten Interview eigentlich ziemlich unverblümt sagte, dass er sich mehr für peruanische schamanistische Heillehren interessiert als für unsere Schulmedizin, ist nicht nur auf dem Papier ein verrückter Eishockeyfreak – er IST ein verrückter Eishockeyfreak. Und genau das ist der Punkt. Ein Mensch, der so tickt, fälscht kein Zertifikat aus Kalkül. Er fälscht es, weil er glaubt, dabei sein zu müssen. Die Leute werfen ihm Charakterlosigkeit vor. Es ist Charakter.

Patrick Fischer ist kein Bundesrat, der Massnahmen durchsetzte, und kein Lobbyist, der an der Politik mitverdiente. Er ist ein Eishockeytrainer, der sich in einer historisch aufgewühlten Zeit eine Dummheit leistete – einer, der die Impfung für falsch hielt, aber trotzdem bei seiner Mannschaft sein wollte, und der diese beiden Dinge auf eine Art und Weise in Einklang brachte, für die er verurteilt wurde. Er bezahlte seine Strafe. Die Justiz, nicht der Sportjournalismus, ist dafür zuständig, diese Rechnung zu begleichen. Sie ist beglichen. Was jetzt noch eingefordert wird, ist Strafe als Spektakel.

Ein Nationaltrainer, so heisst es, stehe für mehr als Taktik und Resultate. Er repräsentiere Werte, sei ein Symbol. Das stimmt. Aber es ist ein Symbol, das wir ihm auferlegt haben, nicht eines, das er gewählt hat. Fischer wurde angestellt, um eine Mannschaft zu führen, und das tut er nachweislich gut (und dank wahnsinnig viel Glück – oder dem Schutz der von ihm verehrten Shipibo-Schamanen –, dass die Chinesen ihn nicht erwischten, denn sonst würden wir jetzt über etwas ganz anderes reden). Den Rest haben wir hinzugedichtet. Wir riefen ein Nationalsymbol und bekamen einen Menschen.


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„Killed to Order“: Buch eines Epoch-Times-Redakteurs auf New York Times-Bestsellerliste

Das Buch „Killed to Order“ des Epoch-Times-Journalisten Jan Jekielek hat es auf die New-York-Times-Bestsellerliste geschafft. Es thematisiert Vorwürfe staatlich organisierter Zwangsorganentnahmen in China. Es fasst zwei Jahrzehnte investigativer Recherchen, Zeugenaussagen und internationaler Untersuchungen zusammen. Gleichzeitig wächst weltweit der politische und gesellschaftliche Druck, gegen Menschenrechtsverletzungen vorzugehen.

Undercover im Konkurs-Business – SRF überführt Firmenbestatter | Impact Investigativ | SRF

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Sie übernehmen Firmen, die kurz vor dem Konkurs stehen, fahren sie an die Wand und richten Millionenschäden an. Wie gehen Firmenbestatter vor?

SRF Impact Investigativ überführt einen der aktivsten Firmenbestatter der Schweiz. Er hat in den vergangenen sechs Jahren 44 Firmen Konkurs gehen lassen und damit Millionen vernichtet. Wie funktioniert dieses System genau?

Darum geht’s in der Reportage:
00:00 Intro
00:53 Heidi’s Ex-Chef zahlt Lohn nicht
02:10 Ist dieser Geschäftsmann ein Konkursreiter? 💰
04:59 Was heisst «Konkurs machen» eigentlich?
05:45 «Da kann man von krimineller Energie reden»
06:45 RIP GmbH: Deshalb rentiert die Konkursreiter-Strategie
07:38 Der aktivste Firmenbestatter der Schweiz
09:17 Whistleblower packt aus 🕵️‍♀️
11:11 Undercover: Wir geben uns als Velohändler aus
14:26 Auf Mission zum Undercover-Treffen 🔎
15:35 Aktivster Firmenbestatter der Schweiz überführt
20:01 «Das ist Unsinn»
21:41 Wrap-up


▪️ Redaktion: Kilian Küttel, Philippe Odermatt
▪️ Produktion: Nadine Woodtli
▪️ Kamera: Matthias Gruic, Raphael Gubler, Moritz Hofstetter
▪️ Schnitt: Noemi Carlen
▪️ Grafik: Ulrich Krüger
▪️ Distribution: Olivia Grubenmann, Ronja Oppiller, Mahara Rösli
▪️ Leitung: Fiona Endres

Im Auftrag von ©2026 SRF

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#SRFImpact #Konkurs #Firmenbestatter

Raucher-Paradies Schweiz – Tabakindustrie mischt sogar an Unis mit | Impact Investigativ | SRF

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Die Schweiz pflegt eine enge Beziehung zur Tabakindustrie – von der Politik bis zu Universitäten. Viele Hochschulen wie die ETH, EPFL oder FHNW arbeiten in irgendeiner Form mit Philip Morris und anderen Tabakfirmen zusammen. SRF Impact Investigativ zeigt, wie die Tabakindustrie Masterarbeiten finanziert, an Geheimklauseln zu ihren Gunsten festhält und kritische Stimmen diskreditiert.

Wie unabhängig sind Schweizer Unis wirklich? Was wird verschwiegen? Und warum kann diese Intransparenz eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit sein?

Darum geht’s in der Reportage:
00:00 Intro: Die Beziehung der Schweiz zum Tabak 🇨🇭
01:21 Verdrängen IQOS & Co. die klassische Zigi? 🚬
05:00 Politiker als Türöffner für die Tabaklobby
06:02 Forschen EPFL-Studierende für Tabakmultis?
10:53 Schweizer Hochschulen & die Tabakindustrie 🎓
13:40 Fachleute fordern Transparenz
15:54 Schauspieler als Ärzte verkleidet
18:04 Falsche Versprechen & Druckausübung 👀
20:20 Wie schädlich sind IQOS & Co.? 🫁
21:14 Was der Öffentlichkeit verheimlicht wird
24:54 Sprecher von Philip Morris kontert
27:27 Wrap-up

Quellen und weiterführende Infos:
👉 https://transparencyandtruth.ch/de/

▪️ Redaktion: Nina Blaser, Fabian Kohler, Sarah Nowotny
▪️ Produktion: Nadine Woodtli
▪️ Kamera: Moritz Hofstetter, Marco Pollak, Laurent Stoop
▪️ Schnitt: Michael Bolliger
▪️ Grafik: David Forster
▪️ Distribution: Olivia Grubenmann, Ronja Oppiller
▪️ Mitarbeit: Recherche & Archive SRF
▪️ Leitung: Fiona Endres

Im Auftrag von ©2025 SRF

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#SRFImpact #Recherche #Tabak

Das Nachhaltigkeitsmagazin «Flip» stellt den Betrieb ein

Flip Gründer

Was wäre, wenn es ein Medium gäbe, das sich ausschliesslich um die grünen Versprechen von Unternehmen kümmert? Das Nachhaltigkeitsclaims prüft, Belege einfordert und Marketing von Substanz trennt? Genau das war die Idee hinter «Flip».

Fünf Jahre lang sezierten die Journalist:innen des Hamburger Magazins grüne Produkte, Finanzangebote und Werbeaussagen – systematisch, verständlich und oft ernüchternd. Als einzige Publikationsform diente ein Newsletter. «Flip» war eines der besten Experimente im jüngeren Umwelt- und Nachhaltigkeitsjournalismus. Jetzt ist Schluss. Das gab die Redaktion noch vor Jahresende 2025 in ihrem letzten Newsletter bekannt. Ende 2025 stellte «Flip» den Betrieb ein.

Die Idee: Nachhaltigkeit braucht gute Information

«Ausgeflipt», schrieb Christian Salewski in einem langen Post auf LinkedIn. Zusammen mit Christian und Dominik Sothmann sowie Felix Rohrbeck hatte er das Magazin 2020 gegründet. Der Gedanke dahinter war denkbar simpel: Informierte Konsument:innen treffen nachhaltigere Entscheidungen. Und jemand muss diese Informationen zusammentragen.

Gleich zu Anfang gab es viel Nützliches für Leserinnen und Leser. Der erste Newsletter befasste sich mit der Schokolade von Tony’s Chocolonely. Das Unternehmen aus den Niederlanden liegt in Nachhaltigkeitsrankings regelmässig vorne. Es stellt nach eigenen Angaben ausbeutungsfreie Schokolade her und bezahlt die Produzent:innen dafür auskömmliche Preise mit langfristiger Vertragsbindung. Das «Flip»-Urteil: Auch bei «Tony’s» ist nicht alles komplett super – aber mehr Mühe, nachhaltig, fair und transparent zu arbeiten, geben sich wohl nur wenige.

Zahlreiche Nachhaltigkeitsversprechen enttarnt

Auch bei anderen Produkten bohrte «Flip» unnachgiebig nach, wie nachhaltig sie wirklich waren, welche Belege es dafür gab und ob diese einer vertieften Recherche standhielten. Die Redaktion verschickte anfangs alle zwei Wochen einen Newsletter, der jeweils ein Produkt thematisierte – vom Gebrauchsgegenstand über Lebensmittel bis zu Finanzprodukten. Jedes Mal liess «Flip» die Leser:innen anschliessend darüber abstimmen, wie nachhaltig sie das Produkt nach dieser Betrachtung noch fanden. Die Community gab nicht nur Feedback und konnte Themen vorschlagen, in einzelne Projekte wurde sie auch direkt einbezogen.

Kurz nach der Gründung kam die erste Recherchepartnerschaft mit einem grossen Medium. Gemeinsam mit der «Zeit» veröffentlichte das Newsletter-Magazin 2021 eine erste grosse Recherche zum Putzmittelhersteller Everdrop. Everdrop stellt Putzmittelkonzentrate her, die sich einfach in Wasser auflösen lassen. Anschliessend können sie wie herkömmliche Putzmittel verwendet werden. Das Trockenprinzip soll Verpackungsmüll vermeiden und Transportkosten sparen.

Viele Produkte wurden bei «Flip» zum «Flop»

Die «Flip»-Recherche zeigte: Everdrop bietet viel Marketing und viel Design, aber wenig öko und wenig nachprüfbare Nachhaltigkeit. Beispielsweise fehlten die angegebenen Zertifikate. Der «Flip-Score», über den die Newsletter-Abonnent:innen abstimmen durften, lag am Ende bei 2,4 von 10. Kein «Flip» also, sondern eher ein Flop. Auch andere Hersteller wie die populäre Rucksackmarke GOT mussten Federn lassen: Der Meeresplastik-Rucksack wurde 2022 mit einem Flip-Score von 2,6 bewertet, weil er doch nicht so grün war wie behauptet.

Wenn es einen Durchbruch für «Flip» gab, war es die Recherche «Sneakerjagd», die das Investigativmedium 2021 in Zusammenarbeit mit der «Zeit» veröffentlichte. Mehrere Sneakerpaare wurden dabei mittels GPS-Chip auf ihrem Weg vom Altkleidercontainer bis in die hintersten Winkel der Welt verfolgt. Jede Woche gab es eine neue Folge – spannend wie ein Krimi. Am Ende stellte sich heraus, dass Nike in Belgien neuwertige Sneaker schreddert. Auch «Infosperber» berichtete.

Auch zu weiteren Recherchen, in denen «Flip» Missstände aufdeckte oder beteiligt war. Etwa, wie Zalando Retouren wochen- bis monatelang rund um den Globus schickt, wie typisch Greenwashing beim Shell-Konzern abläuft oder über das WM-Trikot deutschen Fussballnationalmannschaft, das sich deutlich weniger nachhaltig darstellte als beworben – der Recyclingplastik-Anteil betrug nur 20 statt der angegebenen 50 Prozent. Ob es überhaupt von dem Unternehmen stammte, das das «Ocean Plastic» angeblich geliefert hatte, blieb auch nach den Recherchen unklar.

Preisgekrönte Recherchen

«Flip» wurde mehrfach ausgezeichnet, etwa 2022 als «Wirtschaftsredaktion des Jahres», 2025 für die journalistische Nachwuchsförderung sowie ebenfalls 2025 mit dem Schweizer Medienpreis für eine Recherche über Trophäenjagd auf Braunbären. Später wurde der Newsletter zum wöchentlichen «Flip Briefing», das die jüngsten News zu Nachhaltigkeit, Klima und Umwelt zusammenfasste und jeweils ein wichtiges und aktuelles Thema einordnete und erklärte.

Als Unternehmen hat «Flip» rückblickend sehr vieles richtig gemacht: eine moderne Publikationsform, die ein echtes Informationsbedürfnis traf, Kooperationen mit bekannten Medienhäusern und wichtige Recherchen. Dazu kamen nachvollziehbar durchgeführte und aufsehenerregende Enthüllungen – investigativer Journalismus at its Best.

Alles richtig gemacht – trotzdem vorbei

Zur Anfangsfinanzierung durch Fördergelder und Investoren kamen Honorare von Medienpartnern, ein Abo-Modell, bezahlte Anzeigen und Sponsoring. Bald gab es die «Flip-Box» mit fünf Produkten, die von der Community als empfehlenswert eingestuft worden waren, dazu ein gedrucktes «Flip»-Magazin mit den dazugehörigen Recherchen. 2024 gründete «Flip» einen Online-Marktplatz, der ausschliesslich geprüfte, garantiert greenwashingfreie Produkte anbot. Nach der «Sneakerjagd» begann das Start-Up zudem, selbst Sneaker zu produzieren.

Man kann fragen, ob dieses Portfolio noch als Journalismus durchgeht und ob das «Flip»-Modell nicht sehr nah an der Grenze zum Produktmarketing operiert – wenn auch im besten Sinn. Man kann «Flip» aber auch als Modell dafür sehen, wie sich aufwendiger, kritischer, investigativer und gemeinwohlorientierter Journalismus langfristig finanzieren lässt.

Allein wäre «Flip» mit diesen Ansätzen nicht. Viele Medien finanzieren sich über Online-Marktplätze – teilweise in Bereichen, die überhaupt nicht mehr mit Journalismus verbunden sind. «Flip» betonte stets, sich streng an den Pressekodex zu halten und keinerlei Einfluss auf die Berichterstattung zuzulassen.

«Schöne Weihnachten – und lasst euch von Greenwashern nicht blenden»

Wirtschaftlich hat das Hamburger Medium jedenfalls nichts unversucht gelassen und ist nach eigenen Angaben stetig gewachsen. Am Ende hat es trotzdem nicht gereicht. Grössere Förderungen seien weggefallen, schreibt das «Flip»-Team, die Wirtschaftsflaute in Deutschland habe zudem Online-Marktplatz und Anzeigenpreise einbrechen lassen. Und die Medienkrise kommt hinzu. Das Fazit und der letzte Wunsch der Redaktion: «Es ist bitter, aber wir haben verdammt viel erreicht. Schöne Weihnachten – und lasst euch von Greenwashern nicht blenden.»

Weiterführende Informationen

  • Die Flip-Chronik – Die Highlights 2020 bis 2025, zusammengefasst von der «Flip»-Redaktion

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Am Puls des Wachhunds

Hersh_Netflix

Der US-Journalist Seymour Hersh gilt als Held der Nonkonformisten. Weshalb zeigt die seit wenigen Wochen laufende Netflix-Doku «Cover-Up». Verantwortlich für den Film zeichnet die US-Regisseurin Laura Poitras. Sie erhielt für die Edward-Snowden-Doku «Citizenfour» (2014) einen Oscar und widmete sich mit «Risk» (2016) Wikileaks-Gründer Julian Assange.

In ihrem neusten Werk, das unlängst ebenfalls auf die Oscar-Shortlist gesetzt wurde, widmet sich Poitras dem heute 88-jährigen Investigativjournalisten Hersh. Mit Zusammenschnitten faszinierender Archiv-Aufnahmen erzählt sie aber nicht nur Leben und Karriere des bekannten Reporters.

Poitras verfolgt auch eine häufig ausgeblendete Geschichte, welche die gegenwärtigen imperialen Gelüste der USA unter Trump, die Unterdrückung politischer Gegner oder die Unterstützung israelischer Kriegsverbrecher als Konsequenzen vergangener Straflosigkeit erklären kann.

20 Jahre bis zum Film

Dafür braucht es einen langen Atem. Poitras fragte Hersh bereits 2004 an, ob er sich für einen Dokumentarfilm begleiten lassen würde. Damals, zu Beginn des zweiten Irakkriegs, war er die lauteste der sehr wenig kritischen Stimmen, welche das Vorgehen der Bush-Regierung nach 9/11 hinterfragten. Poitras reiste damals in den Irak, fassungslos darüber, wie obrigkeitshörig die grossen US-Massenmedien über die Kriegsvorbereitungen berichteten. Im Irak drehte Poitras den Film «My Country, My Country» (2006). Nach ihrer Rückkehr in die USA nahm sie Kontakt mit Hersh auf, doch dieser lehnte ab. 20 Jahre später sagte er doch zu.

Laura Poitras‘ Dokumentarfilm «My Country, My Country» (2006) in voller Länge auf (Youtube)

«Wir waren von Beginn weg interessiert an Hershs Recherchen», sagte Poitras Anfang Dezember in einem Interview. «Aber auch an den Mustern, die wir über ein halbes Jahrhundert sehen konnten, den Gräueltaten, den Vertuschungen, der Straflosigkeit und der Rolle des investigativen Journalismus beim Durchbrechen dieses Teufelskreises.»

Hersh: Investigativjournalist als Historiker

Der Film zeigt Hersh denn auch als stellvertretend für einen kritischen, couragierten Investigativjournalismus in den USA, hochrelevant für die Öffentlichkeit und gleichzeitig aufgrund seiner Sonderfunktion immer in der Rolle eines Aussenseiters. So sagt Hersh im Film: «Es gibt eine Geschichte der USA, die sehr schwer zu schreiben ist». Er meint damit die Geschichte des Imperiums, das verdeckt operiert und deshalb kaum öffentliche Rechenschaft für seine Taten ablegen muss – obschon es schreckliche Verbrechen begeht.

Der Film legt nahe, dass das unkritische Verhältnis zur Regierung zu grossen Teilen an einer Art Selbstzensur vieler US-Medien liegt. Denn Hersh sticht heraus, indem er gerade tut, was andere nicht tun: Nachhaken und sich nicht mit Phrasen begnügen.

Poitras’ Geschichte beginnt mit Hershs Vater, einem litauischen Juden, der 1921 per Schiff aus Hamburg nach Boston flüchtete und in den USA eine polnische Jüdin heiratete, die gemäss Hersh selber wie gedruckt log. Im bildungsfernen Haushalt lernte der clevere Hersh dank eifriger Buchlektüren die Welt und eine bestimmte Art des Denkens kennen. Später gelangte er über Umwege an die Uni Chicago, wo er ein Geschichtsstudium erfolgreich abschloss. Seine Karriere begann er bei der Chicagoer Lokalzeitung «City News». Zuerst als Zeitungsverkäufer, dann als Polizei-Reporter. Dieser Berufseinstieg im hochmafiösen Chicago der 1960er-Jahre machte ihn besonders scharfsinnig.

Später gelangte er zur Nachrichtenagentur Associated Press, wo er als Pentagon-Korrespondent eigensinnig recherchierte. Erste Gräueltaten der US-Armee in Vietnam, bekannt als My-Lai-Massaker, deckte er kurz darauf als freischaffender Reporter auf. Weil grosse Medien seine explosive Recherche nicht publizieren wollte, veröffentlichte er sie mit Hilfe einer kleinen Agentur auf den Frontseiten unzähliger regionaler Tageszeitungen. Von da an war Hersh am Puls der Geheimnisse der US-Regierung: Watergate-Skandal, Abu-Ghraib-Folter, Bin-Laden-Ermordung.

Hersh wollte aussteigen

Mit seinem kompromisslosen Eifer eckte Hersh immer wieder an. So verliess er die New York Times, weil eine Recherche über grosse US-Konzerne intern blockiert wurde. Der Film zeigt auch, dass Hersh das Filmprojekt abbrechen wollte, weil er Angst um einige seiner Quellen hatte, deren Namen das Filmteam im Rahmen seiner Recherchen in Archivmaterial fand. «Die Anspannung war definitiv hoch», sagte Poitras dazu. «Er ist jemand, der sagt, was er im Moment gerade denkt. Das ist grossartig für uns Filmemachenden.» Ein langes Gespräch des Produzenten Mark Obenhaus habe Hersh dann aber dazu bewogen, auf seine Entscheidung zurückzukommen.

Interessanter ist die Anspannung im Film aber da, wo Hershs Heldenstatus ins Wanken kommt, weil Poitras den Spiess umdreht. Dazu zerrt sie Hersh hinter dem Quellenschutz, der im Journalismus seinerseits zwecks Vertuschung vorgeschoben werden könnte, hervor. Hersh publiziert auch heute noch Recherchen, die für Aufsehen sorgen. Doch dass er sich bei einem Artikel über die Sprengung der Nordstream-Pipeline auf bloss eine Quelle stützte, sorgte für einiges Kopfschütteln. Was, wenn diese Quelle nicht die Wahrheit sagte? Hersh findet lapidar, dann habe er eben 20 Jahre lang dem Falschen vertraut.

Hersh gibt zu: Er war zu unkritisch

Souverän reagiert er hingegen, als Poitras ihn auf die vehemente, gut belegte Kritik an seiner Verteidigung der Gräueltaten des syrischen Ex-Diktator Bashar al-Assad anspricht. Hersh findet im Film: «Ich traf ihn ein paarmal und glaubte nicht, dass er in der Lage war zu tun, was er tat.» Dies sei ein perfektes Beispiel dafür, der Macht zu nahe gekommen zu sein. «Nennen wir es falsch, sehr falsch. Ich war nicht perfekt.»


Podiumsgespräch mit Hersh und Poitras am New York Film Festival im Herbst 2025.

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